UNSERE MENSCHEN - PORTRÄT

Eine große Chance

Die NÖ Kliniken arbeiten bereits jetzt eng zusammen. Ein einheitliches Krankenhaus- Informations-System soll für noch reibungslosere Abläufe sorgen. Alfred Staudinger übernahm die Aufgabe des KIS-Koordinators und arbeitet an der Umsetzung dieses Mega-Projekts.

Der Softwareexperte Alfred Staudinger ist seit Februar zuständig für die KIS-Harmonisierung.

EDV-Systeme gehören zum Arbeitsalltag wie der Bürosessel oder der Schreibtisch. Wir be- nutzen sie täglich, machen uns aber nur selten Gedanken darüber. Die NÖ Landes- und Universitätskliniken verwenden derzeit unterschiedliche Krankenhaus-Informations-Sys- teme (kurz KIS) von fünf Lieferanten. Aus organisatorischen, fachlichen, wirtschaftlichen und rechtlichen Anforderungen ist ein einheitliches KIS für alle Kliniken geplant. Es soll nicht nur die Kommunikation zwischen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verbes- sern und den gesamten Ablauf im Krankenhaus entsprechend organisieren und steuern, sondern auch den Aufwand für den Betrieb und für die Anbindungen von Subsystemen deutlich reduzieren. Außerdem garantiert die einheitliche Software, dass Mitarbeiter in je- dem NÖ Klinikum arbeiten können, ohne ein neues System kennenlernen zu müssen.


Ressourenplanung

Mit der Gesamtkoordination dieses neuen EDV-Systems wurde Alfred Staudinger betraut. Der 48-Jährige Oberösterreicher ist Projektleiter und Softwareexperte. Er machte sich be- reits während des Studiums als Softwareentwickler selbstständig. In der Zeit seines Zivil- dienstes beim Roten Kreuz entwickelte er eine Software, die die Zuteilung von Mitarbei- tern auf konkrete Arbeitsplätze ermöglichte. „Es genügt ja nicht, nur einen Sanitäter zu ha- ben. Man braucht auch einen Fahrer und ein Fahrzeug, um den Betrieb sicherstellen zu können. Mit unserem Programm wurde diese aufwändige Planung stark vereinfacht“, er- klärt der Steyrer. Der oberösterreichische Landesverband des Roten Kreuzes wurde auf die Software aufmerksam und bestellte sie bei Staudinger für das ganze Bundesland. Im Jahr 2000 wurde das bestehende System gemeinsam mit der Universitätsklinik Innsbruck für die Bedürfnisse von Krankenhäusern zu einer Standardsoftware weiterentwickelt. In der Funktion des Projektleiters legte Staudinger besonderen Wert auf die optimale Unterstüt- zung der Mediziner und des Pflegepersonals, also den Anwendern seiner Software. Auch im Bereich des Bettenmanagements wurden deutliche Verbesserungen erzielt. Für einen Patientenaufenthalt müssen mehrere Ressourcen sichergestellt werden, wie beispielsweise der OP-Saal, der Operateur, der Anästhesist, das Instrumentarium und auch ein entspre- chendes Krankenbett – bei bestimmten Operationen auch ein Intensivbett für eine be- stimmte Dauer nach der Operation. Diese Faktoren berücksichtigt diese Software bereits bei einer Terminvergabe.


Faszination für Computer

Die Faszination für Computer entdeckte der in Schwertberg geborene Staudinger während seiner HTL-Zeit. „Damals gab es keine PCs oder Smartphones, wie man sie heute kennt“, erinnert er sich, „einige Mitschüler und ich kauften damals programmierbare Taschen- rechner und stellten fest, dass man diese abseits vom Protokoll programmieren konnte. Das waren die besten Schummelzettel, weil unsere Lehrer zur damaligen Zeit mit der sehr jungen Technologie noch nicht so vertraut waren.“

2010 kaufte ein großer Konzern Staudingers Firma und übernahm auch das Softwaresys- tem. Staudinger selbst war dann bei diesem Unternehmen als Produktmanager und Pro- jektleiter in großen Krankenhausprojekten tätig. Anfang 2016 entschloss er sich zu einer beruflichen Veränderung und betrieb gemeinsam mit einem Freund und Partner ein tech- nisches Büro.


Interessante & spannende Aufgabe

Als Staudinger Anfang diesen Jahres die Anfrage der NÖ Landeskliniken-Holding bekam, KIS-Gesamtprogrammleiter zu werden, musste er nicht lange überlegen: „Es war mir in der Sekunde des ersten Kontaktes klar, dass diese interessante und spannende Aufgabe ge- nau mein Job wäre“, erzählt Staudinger. Im Februar 2017 begann er dann seine Arbeit. Staudinger traf sich bereits mit Experten aus den Kliniken und stellte Arbeitsgruppen zu- sammen. Gemeinsam analysieren sie, welche Prozesse und Funktionen mit dem neuen zentralen KIS abgedeckt werden sollen und erarbeiten einen Anforderungskatalog. Dabei ist es besonders wichtig, alle Eventualitäten zu bedenken und innovativ in die Zukunft zu blicken. Die Bieterfindung auf Basis des erarbeiteten Katalogs wird europaweit stattfinden.

Aus wirtschaftlicher Sicht ergeben sich im Wesentlichen zwei Vorteile durch ein zentrales, harmonisiertes KIS: Zum einen müssen die Anbindungen künftig nur mehr einmal imple- mentiert werden, zum anderen wird der Betrieb erheblich vereinfacht, da viele Schnittstel- len wegfallen.

Bei den Mitarbeitern stößt Staudingers Arbeit auf Zustimmung, wie er sagt: „Jeder, mit dem ich bisher gesprochen habe, weiß, dass eine Zentralisierung Sinn macht. Doch ich verstehe auch gewisse Bedenken und nehme sie sehr ernst.“

Hat ein Klinikum in den letzten Jahren bereits viel Kraft und Energie in den Aufbau eines KIS investiert, so hängt die künftige Situation natürlich davon ab, wer den Zuschlag für das neue zentrale KIS bekommt. „Ich möchte verhindern, dass sich einzelne als Gewinner bzw. Verlierer sehen – wir müssen das Gemeinsame in den Vordergrund stellen und ge- meinsam den besten Lieferanten für alle auswählen“ sagt Staudinger.

Unabhängig von dieser Entscheidung wird niemand eine wichtige Funktionalität verlie- ren. Staudingers Ziel ist es, dass die Menschen, die mit dem harmonisierten KIS arbeiten, einen Vorteil aus der Umstellung ziehen können. Bei den Medizinern ist die Terminpla- nung sein Kernthema: „Es geht nicht nur darum, den OP-Saal zu planen, sondern alle in- volvierten Ressourcen zu berücksichtigen. Darüber hinaus stellt die Prüfung auf einen eventuell vorhanden Nachtdienst am Tag vor der Planoperation des entsprechenden Arz- tes die Operation selbst sicher.“


Zeit & Kraft

Die Arbeit am neuen System ist für Staudinger spannend, fordert aber auch viel Zeit und Kraft. Für Hobbys neben dem Job hat der früher passionierte Mountainbiker (inklusive Vollvisierhelm, Protektorenhemd und einer Kniescheibenzertrümmerung) kaum mehr Zeit. Gerne trifft er sich bei Gelegenheit mit Freunden aus verschiedenen Berufsfeldern zu interessanten Gesprächen oder spielt Karambol-Billard. Körperlich hält er sich mit Schwimmen fit, ist derzeit aber durch einen Wirbelbruch beim Schifahren noch zur Mäßi- gung gezwungen. Diese Zeit verbringt er mit seiner Frau, die als diplomierte Kranken- schwester in Steyr arbeitet, und seiner dreizehnjährigen Tochter Hannah. „Vor allem das Lernen mit ihr für die Schule macht mir Spaß, weil man sein Wissen wieder auffrischen kann“, schildert der Science-Fiction-Fan.


Chance

Trotz großem Arbeitsaufwand ist Staudinger von seinem neuen Job begeistert: „Ich habe von Anfang an von den Kollegen gehört, dass die KIS-Gesamtprogrammleitung eine sehr große Herausforderung sein wird. Ich sehe meine Aufgabe auch als große persönliche Chance, da ich eines der wichtigsten Projekte der NÖ Landeskliniken-Holding in leitender Rolle aktiv mitgestalten kann."

KIS-GESAMTPROGRAMM


Das Gesamtprogramm unter- teilt sich in mehrere Projekte. Aktuell arbeiten Alfred Stau- dinger und sein Team am ers- ten Projekt „Beschaffung“, in dem die funktionalen Anforde- rungen an das System, die Rahmenbedingungen und die juristischen Inhalte erarbeitet werden. Ziel ist im Herbst die- ses Jahres die Bieterfindung zu starten.

Inhaltlich teilt sich das Ge- samtsystem in zwei Teilberei- che: Basis-KIS und Klinischer Arbeitsplatz. Das Basis-KIS be- inhaltet u. a. Stationsmanage- ment, Befundschreibung, Ter- minplanung, Leistungsanfor- derung, Leistungsdokumenta- tion, ambulanter Workflow und Patientenadministration. Der Klinische Arbeitsplatz be- steht im Kern aus der elektro- nischen Fieberkurve, der Me- dikation und der berufsüber- greifenden Dokumentation. Beide Bereiche müssen von einem Produkt in einem zen- tralen System abgedeckt wer- den.

Die elektronische Anbindung bzw. Integration der unter- schiedlichen Spezialsysteme wie beispielsweise das LIS (La- bor-Informations-System) oder das OIS (Onkologie-In- formations-System) an das KIS ist ein zentrales Thema im Ge- samtprogramm. Um auch künftig für die Integration von Spezialsystemen gerüstet zu sein, wird der Einsatz bzw. die Unterstützung modernster Technologie wie IHE eingefor- dert – diese hat die Zielset- zung, den Datenaustausch zwischen IT-Systemen im Ge- sundheitswesen zu standardi- sieren und zu harmonisieren.


„Es war mir in der Sekunde klar, dass diese spannende Aufgabe mein Job wird.“