TIERTHERAPIE

Tierisch gut

Die NÖ Kliniken setzen immer mehr auf ganz besondere Therapeuten – Hunde, Katzen, Alpakas, Esel, Ziegen, Schafe, Kaninchen oder Meerschweinchen.

Tierpfleger Vincent kümmert sich im LK Mauer um die Alpakas- .

Psychologin Mag. Margit Haunlieb leitet die Tiertherapie im LK Mauer- .

Im Landesklinikum Waidhofen/Thaya, Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, bringt Oberärztin Dr. Ursula Marinitsch (l.) ihre Hündin Juno mit. Am Bild mit Ergotherapeutin Tina Schweizer, BSc.

Im Landesklinikum Wiener Neustadt setzt man auf der Abteilung für Innere Medizin, Hämatologie und internistische Onkologie auf tiergestützte Therapie mit Therapiehund Merlin: (v.l.) Hundetrainerin und -Besitzerin DGKP Bettina Kager-Reich, Abteilungsleiterin Prim. Priv.-Doz. Dr. Birgit Grünberger, Bürgermeister Klaus Schneeberger und LH- Stellvertreter Dr. Stephan Pernkopf.

In Scheibbs gibt’s die Therapiebegleitstunde auch im Garten: Hündin Enya mit Besitzerin Barbara Theuretzbache- r,

Aloisia Wegenschimmel und Stationsleitung DGKP Petra Schweighofer.

Im Uniklinikum Tulln ist Hundedame Tanja im Einsatz, am Bild mit Prim. Univ.-Prof. Dr. Peter Lechner, MAS (Ärztl. Direktor) und Mag. Katharina Mares-Schrank (Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapi- e

fotoS: Christa Hochpöchler, zVg

Tiere sind seit Jahrtausenden Gefährten der Menschen. Derzeit zeigt sich im Gesundheitswesen ein Trend, sich di- e positiven Eigenschaften und Fähigkeiten von Tieren zu Nutze zu machen und damit mehr Lebensfreude zu bekom- men und den Genesungsprozess zu unterstützen. So auch im LK Mauer: Kaum einen Grashalm findet man noch auf der Weide. Nepomuk und Nabucco, zwei weiße Alpakas, sind sehr gründlich, was das Verspeisen von Gräsern angeht. Sie blicken argwöhnisch unter ihrer wuscheligen Frisur hervor. Beide kommen rasch näher, streicheln ist aber trotzdem nicht ihr Ding. Zwei Schafe blicken indes von Weitem interessiert über den Zaun. Sie stehen unter einem großen Baum, der auch den beiden Eseln Chrizzy und Thekla Schatten spendet. Die beiden Langohren wir- ken schüchtern – in Wahrheit haben sie es faustdick hinter den Ohren, erzählt Mag. Margit Haunlieb, Klinische und Gesundheitspsychologin im LK Mauer: „Sie stellen gerne Blödsinn an!“ Neben Eseln, Alpakas, Ziegen und Schafen zählen auch Meerschweinchen, Kaninchen und eine Katze zu Haunliebs Schützlingen, denn sie leitet die tierge- stützte Therapie im Klinikum.


Gemeinsames Training

2003, als Haunliebs Vorgänger in Pension ging, standen zwei Dinge zur Diskussion: den Bereich mit den Tieren auszubauen – oder aufzugeben. Für die Psychologin, die immer davon geträumt hatte, mit Tieren zu arbeiten, war das eine einmalige Gelegenheit. Sie übernahm die Tiere und absolvierte den zweijährigen Universitätslehrgang „Tiergestützte Therapie und tiergestützte Fördermaßnahmen“ an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Seit- her zogen weitere Tiere ein: Nach den Ziegen kamen Schafe, Kaninchen und Meerschweinchen dazu. Und seit 2013 gibt es Alpakas und Esel. Früher, erzählt Haunlieb, fanden mehr Therapiehundeeinsätze statt, die altersbe- dingt beendet werden mussten. Aber zweimal wöchentlich besucht Isabella Schrampf mit ihren Collies die Klinik. Sie arbeitet ausschließlich mit Patienten der stationären Langzeittherapie. Wenn sie mit ihren Hunden kommt, freu- en sich Menschen, die ansonsten nicht das Haus verlassen wollen, schon darauf- .


Grenzen setzen

Die Arbeit mit den Tieren in Mauer gliedert sich in drei Bereiche: In der tiergestützten Therapie geht es um konkrete Ziele, die Margit Haunlieb gemeinsam mit ihren Patienten erarbeitet. Die tiergestützte Aktivität hingegen ist völlig frei – die Patienten kuscheln mit den Tieren, füttern sie oder gehen spazieren. Beim dritten Bereich, der Beschäfti- gung, geht es darum, eine Aufgabe und damit Verantwortung zu übernehmen. Margit Haunlieb ist die einzige P- s

ychologin in Mauer, die tiergestützte Therapie anbietet. Für vier Einheiten pro Woche kommt sie von ihrem eigentli- chen Arbeitsplatz, der stationären Psychotherapie, zu den Gehegen, um mit einzelnen Patienten und den Tieren zu arbeiten. Eine Möglichkeit ist das sogenannte Clickertrai- ning: Mit einem kleinen Gerät in der Hand beobachtet der Patient das Tier; wenn das den Befehl richtig ausführt, be- kommt es zur Bestätigung einen „Click“. Für den Patienten bedeutet das Clickertraining, sich völlig darauf zu konzen- trieren – was herausfordernd sein kann. Gelingt ihm das Tiertraining, gewinnt der Patient an Selbstbewusstsein. Auch auf der Beziehungsebene wird gearbeitet: „Manche Patienten tun sich schwer mit sozialen Kontakten. Das Tier kommuniziert nonverbal und man erhält sofort eine Rück- meldung, denn es spiegelt uns.“ Wenn es darum geht, Grenzen setzen zu können, kommen die Esel Chrizzy und Thekla ins Spiel. „Wir gehen häufig mit Patienten und un- seren Eseln spazieren und arbeiten mit Clickertraining. Die Patienten können dabei lernen, sich durchzusetzen und auch die eigenen Grenzen zu definieren – das hilft dann bei sozialen Kontakten“, erzählt Haunlieb- .


Kuscheln entspannt

Dass die tiergestützte Therapie den Patienten guttut, hat Margit Haunlieb mit Fragebögen erhoben: 100 Patienten gaben an, dass sie sich nach dem Kontakt mit den Tieren wesentlich besser fühlen. Ähnlich ist es bei der tiergestütz- ten Aktivität. Ziel ist vor allem mehr Lebensfreude – es soll stimmungsaufhellend sein und der Aktivierung dienen. In Mauer spazieren auch die kleinsten Patienten häufig zu den Tieren, begleitet von einer Sozialpädagogin. Oft kom- men sie, um mit Kaninchen und Meerschweinchen zu ku- scheln und sie sich auf den Bauch zu setzen. „Viele haben schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht. Tiere kön- nen Freude, Nähe und Geborgenheit vermitteln, wodurch es oft leichter fällt, sich zu öffnen“, sagt Haunlieb. Dabei schüttet der Körper Oxytocin aus. Dieses Hormon sorgt dafür, dass sich der Mensch entspannt, Stress reduziert und die Selbstwahrnehmung verbessert. Auch mit den Na- gern trainiert Haunlieb. Die Kaninchen und Meerschwein- chen lernen, auf dem Tisch sitzen zu bleiben. Denn dort bürsten, streicheln und füttern die Patienten sie. Vor allem Patienten, die an Depressionen, Angststörungen, Psycho- sen oder Persönlichkeitsstörungen leiden, kommen zur Therapie. Eine wichtige Voraussetzung: Man muss tierlieb sein. Das sind anscheinend die meisten, denn die Nachfra- ge sei viel größer als das Angebot, erzählt Haunlieb, die seit 18 Jahren hier arbeitet.


Eine Aufgabe bekräftigt

Kommen Menschen für eine Behandlung auf die stationäre Psychotherapie, ist die gezielte Beschäftigung ein wic- htiger Beitrag zur Genesung. Anfangs arbeiten sie oft in der Parkpflege mit und mähen den Rasen. Ein bis zwei Pat- ienten dürfen bei der Tierpflege mithelfen und zum Beispiel bei den Nagern ausmisten. Nicht nur die Aufgabe stärkt den Menschen, auch die Tiere geben etwas zurück: Die Meerschweinchen beispielsweise quieken vor Freude, wenn sie eine vertraute Stimme hören, erzählt die Psychologin.

Ob Therapie, Aktivität oder Beschäftigung – die Tiere sind häufig jene Motivation, die psychisch kranke Menschen über ihren Schatten springen lässt. Der Zugang zu den Tieren ist einfach und sie bewerten und urteilen nicht über ihr Gegenüber. Und auch die Tiere scheinen es zu genießen, den Menschen Gutes zu tun- .


Daniela Rittmannsberger

Tiere in den NÖ Kliniken


Lange war es unvorstellbar, dass ein Tier in einem Kli- nikum sein darf. Doch immer öfter arbeiten in den NÖ Kliniken speziell geschulte Tiere samt ihren Herrchen und Frauchen. Besonders bei Kindern sind Tiere ger- n gesehene

Helfer, wie etwa im Landesklinikum Waidhofen/Thaya. In der Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie bringt Oberärztin Dr. Ursula Marinitsch ihre Hündin Juno mit. Juno erleichtert Kindern und Ju- gendlichen das Ankommen und den Beziehungsaufbau- .

In der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde i- m Landesklinikum Mödling gibt es für die kleinen Patiente- n auf der Psychosomatik während der Schulmonate ein- mal pro Woche therapeutisches Reiten, ebenso in de- r Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psycho- therapie in der Hinterbrühl; außerdem gehen die Kinde- r und Jugendlichen oft zum Lamahof- .

Im Universitätsklinikum St. Pölten gehört die wöchent- liche tiergestützte Heilpädagogik an der Klinischen Ab- teilung für Kinder- und Jugendheilkunde schon seit 200 4 zum Programm. Die drei Therapiehunde Whoopy, Chelly und Fossy arbeiten mit Felicitas Grübl, Tiertrainerin und Gründerin des Kindertierkreises Artemis. Auch Riesen- schnecken kommen zum Einsatz.

Im Universitätsklinikum Tulln ist Therapiehündin Tanja auf der Kinder-und Jugendpsychiatrie und Psychothera- pie im Einsatz – bei Einzel-Psychotherapien, psychothe- rapeutischen Kleingruppen oder im Stationsalltag be- i Gruppenaktivitäten- .

Aber auch Erwachsene genießen das Zusammensein mit Tieren und profitieren von der Entspannung, die da- s Streicheln eines weichen Hundefells beschert: In der Ab- teilung Hämatologie und internistische Onkologie im Landesklinikum Wiener Neustadt kommt zweimal pro Monat Therapiehund Merlin zum Einsatz. Im Universi- tätsklinikum Krems kommt der Golden Retriever Tiffany jeden zweiten Mittwoch im Monat zu den Patienten der Strahlentherapie. Tiffany ist auch Rettungshund. Im Lan- desklinikum Scheibbs besucht Therapiebegleithündi- n Enya jeden Donnerstag die Palliativstation. Stationslei- tung DGKP Petra Schweighofer: „Wir bemerken oft, dass Patientinnen und Patienten danach zur Ruhe kommen, sich freuen und wohl fühlen.“

Die interessierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Uniklinikums Krems mit Hygie- nefachkraft Leopold Karner (Mitte hinten) und der Geschäftsführerin der Rettungs- hunde NÖ Karin Kuhn mit ihrer Labradorhündin June (Mitte, vorne)

Infoveranstaltung in Krems


Therapiebegleit- und Assistenzhunde sind die einzi- gen Vierbeiner, denen unter bestimmten Rahmenbe- dingungen der Zutritt zum Klinikum gesetzlich gestatte- t ist. Die Leistungen dieser Tiere und die demnächst er- scheinende holdingweit gültige „Therapiehunde-Emp- fehlung“ wurden den Mitarbeiterinnen und Mitarbeite- r des UK Krems in einer Infoveranstaltung vorgestellt- . Vortragende waren Hygienefachkraft Leopold Karne- r und Karin Kuhn, Geschäftsführerin der Rettungshunde NÖ.

Aus hygienischer Sicht sind Hunde für Mensche- n wenig bedenklich, solange keine Risikofaktoren (Im- munschwäche, Infektionen, Operationen) des Patien- ten dagegen sprechen. Die tiergestützte Therapie fin- det derzeit nur auf der Klinischen Abteilung für Strah- lentherapie-Radioonkologie statt- .

erschienen in WIR INTERN 05/2018