LANDESZIELSTEUERUNG

Digitalisierung nutzen

Der neue Gesundheits-Koordinator des Landes, Prim. Univ.-Prof. DDr. Thomas Klestil, will die Versorgung der Bevölkerung durch bessere Arbeitsbedingungen für Medizin und Pflege weiterentwickeln.

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NÖGUS-Vorsitzender und Landesrat Martin Eichtinger (li.) mit dem neuen Landeszielsteuerungs-Koordinator Tho- mas Klestil

foto: zvg, istockphoto/ PeopleImages

Immer komplexer wird die Versorgung der Patientinnen und Patienten: Das medizinische Wissen wächst ständig und schnell, die Behandlungen werden immer spezialisierter – und gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Dokumentation zur Absicherung aller Behandlungsschritte. Diesen wachsenden Druck auf Kliniken, Mitarbeiterin- nen und Mitarbeiter gilt es auszugleichen.

Einer, der dafür zuständig ist, neue Lösungen ins Gesundheitssystem zu bringen, ist Prim. Univ.-Prof. DDr.Thomas Klestil, Leiter der Abteilung Orthopädie und Traumatologie an den beiden Klinik-Standorten Baden und Mödling und seit 32 Jahren „Arzt mit Leib und Seele“. Er ist als neuer Landeszielsteuerungs-Koordinator im NÖ Gesund- heits- und Sozialfonds zuständig für die Gesundheitsreform. Der 56-Jährige lehrt auch an der Donau-Universität Krems.


Kürzere Klinik-Aufenthalte

„Stillstand wäre Rückschritt. Wir müssen die Strukturen laufend anpassen“, betont Klestil, denn allein durch das Bevölkerungswachstum seien Anpassungen nötig – und durch die Fortschritte in der Medizin auch möglich: „Heu- te können wir immer mehr Eingriffe minimal-invasiv machen, also mit kleinen Schnitten. Dadurch hat sich die Auf- enthaltsdauer bei stationären Patienten verkürzt.“ Was Kosten und Ressourcen spart: „Das ist wie in einem guten Restaurant: Mit dem richtigen Service kann man den Tisch am Abend zwei bis drei Mal nützen.“


Kernthema Digitalisierung

Klestil sieht die Digitalisierung als großes und wichtiges Thema der Gesundheitsreform. „Alle Arbeitsprozesse im klinischen Alltag laufen elektronisch, das müssen wir noch stärker nützen.“

nIn seinen Abteilungen diktieren Ärztinnen und Ärzte mit mobilen Geräten mittels App bereits während der Visite die Ergebnisse, die sofort in der jeweiligen Krankenakte gespeichert werden – eine enorme Erleichterung gegen- über den Diktaphonen, deren Bänder erst nach der Visite von Sekretärinnen abgeschrieben und den Akten zuge- ordnet werden konnten.

-Als einer der Ersten hat Klestil Videokonferenzen für die tägliche Arbeit eingeführt, um die Standorte seiner Ab- teilung in Baden und Mödling mit der Satellitenabteilung in Hainburg gemeinsam zu führen.

-Mittlerweile gibt es in allen NÖ Kliniken die technische Ausstattung für Videokonferenzen. Diese werden zum Beispiel für die klinikübergreifenden Tumorboards verwendet.

-Durch das elektronische Onkologie-Informations-System (OIS), das die gesamten Behandlungsverläufe sämtli- cher Krebspatienten komplett dokumentiert, und die Tumorboards ist die Qualität der Behandlung deutlich ge-

stiegen. Gleichzeitig ergeben sich enorme Möglich- keiten für Forschung und Lehre.

-Pflege und Ärzte können im Verlauf einer Behand- lung jederzeit die passenden Labor- und Bilddoku- mentationen abrufen.

-Im Wundmanagement bei Weichteilverletzungen oder Geschwüren arbeitet man immer stärker mit di- gitaler Dokumentation samt Fotos, die sofort in die Patientenakte eingefügt werden. So kann auch bei wechselndem Personal der Heilungsverlauf verläss- lich geprüft und begleitet werden.

-Diese neuen Möglichkeiten sollen künftig auch der mobilen Pflege zugänglich sein und damit den Wech- sel zwischen Kurzzeitpflege, stationärer Behandlung, stationärer Nachversorgung, mobiler Betreuung und Langzeitpflege deutlich erleichtern.

-In der mobilen Palliativversorgung gibt es mit Palli- Doc bereits ein elektronisches Tool, das in Echtzeit Daten der verschiedenen Berufsgruppen speichert und so auch außerhalb der Kliniken die kontinuierli- che Weiterversorgung durch Ärzte, Pflege und Thera- peuten garantiert.

-Ein gutes Beispiel für gelungene Vernetzung ist der Akutversorgungsnachweis mittels digitalem mobilem Netz zwischen Rettungsdiensten und den NÖ Klini- ken: Die Retter sehen, wo der Patient im Moment

bestmöglich behandelt werden kann und ob in dieser Abteilung die nötigen Ressourcen frei sind; gleichzeitig werden die Teams in den Notaufnahme informiert und mit allen zur Vorbereitung und raschen Behandlung nöti- gen Daten versorgt.

-nAuch die E-Medikation ist ein wichtiges Werkzeug für Ärztinnen, Ärzte und Apotheken, das die Behandlung und Medikation erleichtert und sicherer macht.

Klestil betont: „Durch all diese elektronischen Unterstützungen sind bereits viele Arbeitsschritte obsolet geworden, und dieser Veränderungsprozess wird sich noch fortsetzen und entwickeln.“

Die vereinfachte und verlässlichere Dokumentation in den verschiedenen Bereichen bringt gewaltige Vorteile mit sich:

-Sie schützt die Patienten, aber auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und sie minimiert Risiken.

-So können die personellen Ressourcen optimal genutzt und besser eingesetzt werden.


Vernetzung der Berufsgruppen

Für Klestil ist Niederösterreich bevorzugt in den derzeit laufenden und anstehenden Veränderungsprozessen, weil alle Kliniken unter dem Dach der NÖ Landeskliniken-Holding vereint sind. Dazu kommt künftig die Vernetzung mit den Pflegeheimen des Landes. „Je stärker die Verbindung ist, umso leichter lassen sich die Prozesse verbessern und die Vorteile der Digitalisierung nutzen.“ Für Patientinnen und Patienten bringe dies einen besseren Informati- onsfluss zwischen allen Behandelnden, kürzere Wartezeiten und eine gesicherte Dokumentation. „Die Vernetzung von Ärzten und Pflegekräften ist enorm wichtig, denn diese beiden Berufsgruppen sind die Hauptsäulen in der Behandlung.“

Im niedergelassenen Bereich sind die Primärversorgungseinheiten (PVE) ein gutes Beispiel dafür, dass durch die- se Vernetzung die Versorgung optimal gesichert ist. Drei PVE gibt es derzeit (in Böheimkirchen, Schwechat und

St. Pölten-Harland), 14 sollen es werden. In diesen Zentren arbeiten Ärztinnen und Ärzte mit einem Team verschie- dener Berufsgruppen wie Pflege, Therapeuten, Sozialarbeitern etc. Wichtig sei, auch Kliniken mit dem niederge- lassenen Bereich noch besser digital zu vernetzen. Klestil glaubt, dass es durch die Digitalisierung möglich wird, Versorgungslücken leichter zu schließen. „Wir sind mit Hochdruck dahinter, in regelmäßigen Terminen und in engs- ter Zusammenarbeit mit den Sozialversicherungsträgern, um diese Themen vorwärts zu bringen.“


Riki Ritter-Börner

erschienen in WIR INTERN 05/2019