NEONATOLOGIE

„Babys schauen!“

Prim. Hans Salzer, Leiter der Kinder- und Jugendabteilung am UK Tulln, ist spezialisiert auf Neonatologie und liebt seine neugeborenen Patientinnen und Patienten ganz besonders.

Prim. Hon.Prof. Univ.Prof. Dr. Hans Salzer mit OÄ Dr. Andrea Bachmann

Konnte seine eigenen Kinder nicht selber impfen: Prim. Hon.Prof. Univ.Prof. Dr. Hans Salzer leitet seit

23 Jahren die Klinische Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde im Uniklinikum Tulln.

fotoS:nadja meister

Schon sein Urgroßvater war Arzt, sein Großvater der erste Kinderchirurg in Österreich, beide Eltern waren Medizi- ner – was hätte Hans Salzer anderes werden sollen als Arzt? Eigentlich wollte er Physik studieren und an den be- deutenden Themen der Wissenschaft forschen – das macht jetzt sein Sohn.

Und trotzdem hat Hans Salzer seinen Traumberuf: Die Mutter als Schulärztin weckte sein Interesse an der Kinder- heilkunde. In der „behüteten bürgerlichen Familie“ ging es am Mittagstisch oft um ihre medizinischen Themen, etwa um das hochschwangere zwölfjährige Mädchen und die fehlende Aufklärung und Zahnhygiene vieler Kinder. Seine Tochter ist übrigens auch Ärztin geworden. Behandelt hat er seine Kinder immer selber, mit einer Ausnahme: „Imp- fen konnte ich sie nicht, als sie klein waren“, gesteht der Kinderspezialist.


Frühchen-Spezialist

Hans Salzer studierte in Wien Medizin, spezialisierte sich dann am AKH auf Neonatologie und habilitierte zum The- ma neonatologische Infektionen. Seither hat sich das Wissen und Können in der Neonatologie extrem weiterentwi- ckelt, berichtet der 63-Jährige: „Als ich begonnen habe, hat man bei einem in der 30. Schwangerschaftswoche ge- borenen Kind überlegt, ob man überhaupt einen Arzt zuziehen soll, weil es ohnehin sterben wird. Heute wissen wir, dass es nur spezielle Betreuung braucht und beste Chancen hat.“ Mittlerweile gilt die 22. Schwangerschaftswoche als Grenze der Überlebensfähigkeit, „weil davor die Lunge noch nicht mit dem Herz-Kreislauf-System verbunden ist“, erklärt Salzer. An seiner Neonatologie Station 2 wog das kleinste Frühchen weniger als drei Packerl Butter.


Kinder unterstützen

Seit 1996 leitet Primarius Salzer die Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde im Universitätsklinikum Tulln, er be- treibt eine kleine private Ordination und lehrt an der Karl Landsteiner Privatuniversität in Krems und am AKH in Wien. Er bildet KPJ-Studierende ebenso aus wie Studierende im fünften Studienjahr, die sechs Wochen Kinderheil- kunde absolvieren müssen (Terzial). Auch Pflegekräfte unterrichtet er. Als die Sonderheilanstalt Gugging 2007 auf- gelöst wurde, entstanden im Klinikum Tulln die Erwachsenen- und die Kinderpsychiatrie und Psychotherapie. Für Salzer war das „ein Quantensprung, weil wir gut zusammenarbeiten und zum Beispiel psychosomatische Themen gut abklären und behandeln können.“ Wichtig ist das etwa bei Kindern mit Diabetes, die sich besonders in der Pu- bertät nicht gut einstellen lassen, und in der Mutter-Kind-Ambulanz für drogensüchtige Mütter. Oder bei Kindern psychisch kranker Eltern, die einer enormen Belastung ausgesetzt sind und bestmögliche Unterstützung brauchen.


Anspruchsdenken der Eltern

Seit er hier ist, ist die Zahl der Patientinnen und Patienten in den Ambulanzen seiner Abteilung geradezu explodiert: Waren es anfangs etwa 300 pro Jahr, behandelt er mit seinem Team derzeit etwa 15.000. Warum? „Die Eltern ha- ben zum Beispiel den Anspruch, wenn das Kind eine Stunde fiebert, dass wir das abklären. Hier fehlen uns die nie- dergelassenen Hausärztinnen und Hausärzte.“

Zu den großen positiven Entwicklungen in seiner langen medizinischen Karriere gehören die in der Neonatologie. Glücklich ist er über das „absolute Highlight“ der onkologischen Versorgung von Kindern in Österreich: „Leukämie ist in vielen Fällen heute gut behandelbar.“ Weitere Lichtblicke für ihn sind die Herzchirurgie, generell die großen Fortschritte in der Kinderchirurgie, zum Beispiel bei Fehlbildungen, und in Diagnostik und Therapie seltener Stoff- wechselerkrankungen: „Als ich begonnen habe, sind Kinder mit Zystischer Fibrose mit sieben bis zehn Jahren ge- storben. Heute liegt ihre Lebenserwartung bei 60 Jahren.“


Warum Kinderheilkunde?

Was ist das Schöne an seinem Beruf? „Wir betrachten den Patienten als Ganzes“, sagt Salzer: „Wenn ein Kind zum Beispiel eine Herzkrankheit hat, schauen wir, wie es damit die Schule bewältigen kann. Unsere Diabetes-Pflege- kraft schult Pädagoginnen, damit Kinder mit dieser Erkrankung ganz normal in den Kindergarten gehen können. Wir sagen dem Kind: Du musst das Wichtige zu deiner Krankheit wissen, dann meisterst du sie gut. Und wir schauen nicht nur, dass der Zucker richtig eingestellt ist, sondern auch das Umfeld.“ Man müsse als Kinderarzt genau spü- ren und verstehen, das sei das Geheimnis: „Wir lernen viel von den Kindern: Man muss ehrlich sein, kann sich nicht verstellen. Kinder verstehen schwere Diagnosen oft besser als ihre Eltern.“ So sagte in seiner Zeit am AKH ein Bub, der nicht mehr lange zu leben hatte, zu ihm: „Im Himmel fangen die Abenteuer erst an.“


Lieblingskinder

Was liebt er an seinem Beruf? „Babys schauen!“ Auf seiner regelmäßigen „Niederösterreich-Rundfahrt“ besucht er die Geburtenstationen, die die Kinderabteilung in Tulln mitversorgt – Klosterneuburg, Korneuburg und Hollabrunn.

Und warum? „Meine Lieblingskinder sind die Neugeborenen in der ersten Lebenswoche – da sind noch alle Menschen gleich.“

Und wie entspannt sich der Vielbeschäftigte? Er liest viel, zum Beispiel die Bücher sei- nes Kollegen Paulus Hochgatterer (siehe Seite 20). Und empfiehlt jedem Mediziner als Pflicht-Buch „Der Fetzen“ von Philippe Lançon, dem beim Attentat in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ der Unterkiefer weggeschossen wurde und der 17 Gesichtsoperationen über sich ergehen lassen musste – „ein tolles Buch über ein geistiges Abenteuer.“ Sal- zer liebt Theater, Konzerte und Reisen. Und will, wenn er in zwei Jahren in Pension geht, das Mittelmeer umrunden: „Ich starte von Wien aus nach Osten und komme ir- gendwann aus dem Westen wieder zurück.“ Er träumt vom Meer. Schließlich war der Ur- großvater mütterlicherseits Fregattenkapitän der K&K-Kriegsmarine und sein Bruder ist Segler. Es gibt also doch nicht nur Ärztinnen und Ärzte in Salzers Familie.


Riki Ritter-Börner

Neonatologie in NÖ


Stufe 1:

UK St. Pölten

LK Wiener Neustadt


Stufe 2: Schwerpunktversorgung

LK Mistelbach- Gänserndorf

LK Mödling

UK Tulln

LK Zwettl


Stufe 3: Grundversorgung

LK Amstetten

UK Krems

erschienen in WIR INTERN 06/2019