KONZEPT

Delir-Konzept

Das Uniklinikum Tulln entwickelt sich zum delir- und demenzkompetenten Klinikum.

Entwickelten das Delir-Konzept im Uniklinikum Tulln: (v.l.) DGKP Elisabeth Jaunecker (Stationsleitung Unfallchirurgie), DGKP Hei- demarie Sax (Stationsleitung Interne 3), DGKP Regina Müllner (Stabstelle Praxisanleitung und Personalentwicklung) und Pflegedi- rektorin DGKP Eva Kainz, MSc.

Delir im Alltag zeigt sich häufig durch eine akute Verwirrtheit. Betroffene wissen oft nicht, wo sie sich befinden, sind verärgert, gereizt oder unruhig, nehmen Dinge wahr, die nicht existieren, haben einen verkehrten Tag-Nacht-Rhythmus, wodurch sie tagsüber schläfrig und bei Nacht wach und aktiv sind. Das sind nur einige der Symptome. Der Begriff Delir stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „aus der Spur geraten“. Oft tritt es während eines Krankenhausaufenthalts auf, was besonders die Pflegekräfte vor große Herausforderungen stellt. Vor einigen Jahren lief eine groß angelegte Mitarbeiterbefragung der NÖ Landeskliniken-Holding zur psychischen Belastung am Arbeitsplatz. Im Uniklini- kum Tulln spitzte man wegen des Ergebnisses die Ohren, sagt Pflegedirektorin DGKP Eva Kainz, MSc: „Es kam heraus, dass die psychische Belastung wegen verwirrter Patientin- nen und Patienten groß ist. Nicht nur wegen Demenz, sondern auch wegen Delir. Das war überraschend, denn bisher war Delir kaum ein Thema, außer die alkoholbedingte Form.“


Delir erkennen

Das Delir kann, wenn es unerkannt und unbehandelt bleibt, schwere Folgen nach sich zie- hen. „Die geistigen Fähigkeiten von Betroffenen können nachhaltig beeinträchtigt sein. Sie müssen länger im Klinikum bleiben und eventuell sogar ins Pflegeheim. Auch eine Demenz kann sich daraus entwickeln“, weiß Eva Kainz. In Tulln hat eine Expertinnengruppe das Thema erkannt und sich dessen angenommen, zum Wohle der Patienten und Mitarbeiter. Pflegedirektorin Eva Kainz hat gemeinsam mit DGKP Elisabeth Jaunecker (Stationsleitung Unfallchirurgie), DGKP Heidemarie Sax (Stationsleitung Interne 3) und DGKP Regina Müll- ner (Stabstelle Praxisanleitung und Personalentwicklung, gepr. Personalentwicklerin) ein Delir-Konzept entwickelt. Los ging es im Jahr 2014, man holte sich Informationen auf Sym- posien und Kongressen, bildete sich stetig weiter, sagt Regina Müllner: „Das Delir hat ver- schiedene Ausprägungen: postoperatives Delir, Delir im Pflegeheim oder in der Psychiatrie – jede Form muss differenziert betrachtet werden. Das Delir ist eine multiprofessionelle Herausforderung und beschäftigt alle Berufsgruppen.“


Pilotprojekt

Um zu verhindern, dass es überhaupt zu einem Delir kommt, muss man mögliche Ursa- chen kennen und ausschalten. „Eine andere Medikation, Schmerzen, die fremde Umge- bung und unbekannte Personen – all das kann ein Delir auslösen. Daher haben wir Maß- nahmen entwickelt, die gegensteuern“, sagt Jaunecker. Darum wird jeder Patient ab 65 bei der Aufnahme auf Risikofaktoren gescreent. Bei bestehenden Risikofaktoren erfolgt das CAM-Screening durch die Pflegekräfte. Wie ist seine Orientierung? Ist er verwirrt? Ist er Brillenträger? „Mit diesem Beobachtungsassessment stufen wir ein, wie gefährdet je- mand ist, ein Delir zu entwickeln“, sagt Pflegedirektorin Kainz. Oft reichen dann schon sim- ple Maßnahmen aus: Man bringt Ruhe in den Tagesablauf, achtet darauf, dass es nicht zur Reizüberflutung kommt, dass Patienten sich orientieren können, zieht Angehörige oder Vertrauenspersonen in die Behandlung mit ein. Auch die Medizin kann viel tun in punkto Medikation.


Fachlichkeit der Pflege

Um das Delir-Konzept einem Praxistest zu unterziehen, fungierten die Unfallchirurgie und Interne 3 mit den Stationsleitungen Elisabeth Jaunecker und Heidemarie Sax als Pilotsta- tionen. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden geschult, an den Gängen und in den Zimmern Uhren aufgehängt, Piktogramme statt WC-Schild, Steh-Kalender und vieles mehr, damit sich die Patienten gut orientieren können. Angehörige dürfen mit in den OP, auch Hilfsmittel wie Brillen und Zahnersatz – all das sorgt für eine vertraute Umgebung und hilft, ein Delir zu verhindern. Für Angehörige wurde eine Infobroschüre erstellt. Auch andere Hilfsmittel können helfen, weiß Heidemarie Sax: „Manche Patienten nesteln gern, wollen ständig etwas berühren. Mit einer Puppe oder Decke in der Hand werden sie ruhiger.“ Das Team hat mit vielen kleinen Maßnahmen viele positive Erfahrungen gemacht, sagt sie: „Frü- her haben wir probiert, die Patienten durch Sprechen zu motivieren. Nun wissen wir, was in welcher Situation helfen kann.“

Das Delir-Konzept beruht auf der hohen Fachlichkeit der Pflege, auf viel Feingespür und hat schon viel Positives bewirkt, freut sich die Pflegedirektorin: „Die Rückmeldungen bestä- tigen uns: Wir hören, dass die Patienten nun

nicht mehr so ‚verloren‘ sind. Das entlastet den Stationsbetrieb ungemein.“ Das Delir- Kon- zept wirkt. Das Delir-Team hat mittlerweile eine große Expertise entwickelt, die es weiter- gibt: Elisabeth Jaunecker bietet gemeinsam mit Prim. Assoc. Prof. PD Dr. Martin Aigner (Vorstand Klinische Abteilung für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin) Fortbil- dungen zum Thema an, zu finden im Bildungsprogramm der NÖ Landeskliniken-Holding. Alle Termine sind ausgebucht. Das beweist die Dringlichkeit des Themas.


Karin Schrammel

Delir-Konzept

-2014: erste Überlegungen

-2015–2017: Pilotbe- trieb auf Unfallchir- urgie und Interne 3

-2018: in allen Berei- chen implementiert, Schulungen für alle Pflegekräfte, Pflege- begleitservice und Physiotherapeuten

-n 2019: Erstellung einer interprofessio- nellen Delir-SOP für Ärzte durch Prim Univ.-Prof. Dr. Her- bert Frank (Abtei- lungsvorstand Inne- re Medizin), Prim. Assoc. Prof. PD Dr. Walter Struhal (Ab- teilungsvorstand Neurologie), Prim. Assoc. Prof. PD Dr. Martin Aigner (Ab- teilungsvorstand Psychiatrie) und Implementierung

-ARGE Demenz-Delir mit zwei Mitarbei- tern der verschiede- nen Bereiche und Stationen

-ständige Fortbildungen

Zahlen, Daten, Fakten


Das Delir tritt bei

Hospitalisierung bei

über 65-Jährigen bei

zehn bis 20 Prozent auf. Postoperativ bei 15 bis 53 Prozent, ins- besondere bei Herz- chirurgie und Hüft- OPs. Intensivpflichtige

Patientinnen und

Patienten in dieser Al- tersgruppe leiden zu 70 bis 87 Prozent an einem Delir.

Wodurch kommt es zum Delir?


Folgende Erkrankungen und Umstände stehen im Verdacht,

besonders häufig ein Delir zu verursachen:

-körperliche Verletzungen sowie Narkosen, Operationen und starke Schmerzen

-Infektionen und Entzündungen

-mangelhafte Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr

-Stresssituationen und besondere psychische Herausforderungen sowie starke Reizüberflutung

-Nebenwirkungen von Medikamenten

-Abwesenheit von Seh- und Hörhilfen, die sonst getragen werden

-Entzug von Suchtmitteln, wie Nikotin oder Alkohol, aber auch von Medikamenten

erschienen in WIR INTERN 02/2019