VERSORGUNG

Mehr Beratung

Ausbau der klinisch-pharmazeutischen Beratung – ein weiterer Schritt zur Optimierung der Versorgung der Patientinnen und Patienten.

Der Fachbeirat Pharmazie arbeitet am Aufbau der klinisch-pharmazeutischen Beratung in den NÖ Kliniken.

Mit der Etablierung der medizinischen Gremien in der NÖ Landeskliniken-Holding vor circa zehn Jahren wurde auch der Fachbeirat Pharmazie ins Leben gerufen. Die Fachbeiräte unterstützen unter anderem auch die Ge- schäftsführung durch ihre Fachkompetenz in der Entscheidungsfindung. Eines dieser Themen war und ist noch aktuell der Aufbau und die Entwicklung einer betriebsorganisatorisch landesweiten klinisch-pharmazeutischen Beratung für alle Landes- und Universitätskliniken im medizinischen und pflegerischen Alltag. Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn mit viel Engagement und Einsatz gab und gibt es Initiativen einzelner NÖ Landes- und Uni- versitätskliniken, ebenso gibt es einige Vorzeigeprojekte in Österreich, aber eine flächige Versorgung mit klini- scher Pharmazie gibt es in keinem österreichischen Bundesland. Einhellige Meinung ist, dass die klinisch-phar- mazeutische Beratung ihre volle Wirksamkeit nur dann entfalten kann, wenn landesweit über alle Klinkstandorte hinweg eine koordinierte und in Begriffen und Standards abgestimmte Implementierung erfolgt. Ziele wie die Er- höhung der Patientensicherheit und -zufriedenheit, die Optimierung der Patientenversorgung durch verbesserte interdisziplinäre Zusammenarbeit, die Definition von holdingweiten Mindeststandards für die pharmazeutische Beratung entlang des Medikationsprozesses, die Schaffung inhaltlicher und organisatorischer Voraussetzungen für ein IT-unterstütztes System, die Erhöhung der Sicherheit und der Zufriedenheit im Arbeitsprozess aller Betei- ligten sind selbstredend. Ebenso klar ist, dass Menschen nur mit Menschen gut zusammenarbeiten können, wenn sie einander kennen und sie einander vertrauen. Dies setzt voraus, dass eine funktionierende klinische- pharmazeutische Beratung zum einen eine gute IT-Unterstützung benötigt, dies soll im neuen Krankenhaus-In- formations-System optimiert werden, und zum anderen Pharmazeutinnen und Pharmazeuten eine klare setting- bezogene Präsenz an den Klinikstandorten benötigen. Ebenso sind organisatorische und personelle Rahmenbe- dingungen miteinzubeziehen (vgl. Abbildung 1).


Schritt 1: Schaffung der benötigten Standards entlang des Medikationsprozesses

Die Mitglieder des Fachbeirates Pharmazie bzw. aus den NÖ Anstaltsapotheken entsandte

Pharmazeutinnen und Pharmazeuten haben in einem einjährigen Projekt gemeinsam mit

Spezialistinnen und Spezialisten aus dem Bereich Patientensicherheitsmanagement und der Abteilung Medizini- sche und Pflegerische Standards und Prozesse die Standardisierung der klinisch-pharmazeutischen Beratung durchgeführt. Neben den fachlichen Ergebnissen, die sich in neun standardisierten Beratungsinstrumenten be- ginnend mit der Medikation bei der Aufnahme bis hin zur Entlassung ziehen lassen, wurden die Erkenntnisse als integrierte Prozesse dem Medikationsprozess hinzugefügt. Zusätzlicher Output bestand in der Beschreibung der Leistungsanforderungen an IT-Systeme, welche im Zuge der Ausschreibung zu einem neuen Krankenhaus-Infor- mations-System eingearbeitet wurden.


Schritt 2: Pilotprojektierung der klinisch-pharmazeutischen Beratung

In einer Projektlaufzeit von insgesamt eineinhalb Jahren wurden die im Schritt 1 festgelegten Standards fachlich evaluiert und auf die Tauglichkeit in unterschiedlichen krankenhausspezifischen Settings für die Praxis erprobt. Am Pilotprojekt nahmen acht Klinikstandorte teil: Amstetten, Horn, Krems, Lilienfeld, Mauer, St. Pölten, Tulln und Wiener Neustadt mit jeweils unterschiedlichen Stationen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (medizinisches und Pflegepersonal) der Pilotstationen wurden zur pharmazeutischen Beratung vor und nach dem Pilotprojekt befragt sowie die fachlichen In- und Outputs in der Pilotierung strukturiert aufgezeichnet und ausgewertet. Zu- sammengefasst wurden über die Projektlaufzeit 1.753 arzneimittelbezogene Optimierungspotenziale aufgezeigt. Diese haben in absteigender Häufigkeit Arzneimittelinteraktionen, Beratung bei Therapieentscheidungen, Über- /Unterdosierungen, Dokumentationsfehler, Kontraindikationen, nicht angemessene Verabreichungen, unbehan- delte Indikationen/Arzneimittel ohne nachvollziehbare Indikation, Arzneimittelnebenwirkungen, Literaturrecher- che und Doppelverordnungen betroffen. Auffällig war, dass bei den Optimierungspotenzialen unter Berücksichti- gung der Arzneimittelklassifikation (ATC Code) vor allem Medikationen  des Nervensystems, des alimentären Systems und des Stoffwechsels und des kardiovaskulären Systems betroffen waren. Nur in sechs Prozent der klinisch-pharmazeutischen Beratung gab es für die fallführenden Medizinerinnen und Mediziner Gründe, der pharmazeutischen Empfehlung aktiv nicht zu folgen. Weiters wurden die einzelnen Optimierungspotenziale hin- sichtlich ihres Risikos klassifiziert. Rund zwei Drittel aller Optimierungspotenziale wurden als signifikant einge- stuft (vgl. Abbildung 2). Es waren aber auch vereinzelt höchst signifikante Risikopotenziale zu finden. Diese Ana- lyse zeigte auch, dass in einem erheblichen Anteil der gefundenen höchst signifikanten Risikopotenziale diese bereits in der Heimmedikation behaftet waren und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den Grund der Kran- kenhausaufnahme bedingt haben.


Schritt 3: Umsetzung

Den Ergebnissen des Standardisierungs- und des Pilotprojektes folgend wurde ein Umsetzungskonzept erarbei- tet, das sich in der Zielelandkarte der NÖ Landeskliniken-Holding widerspiegelt. Die Eckpunkte des Umset- zungskonzeptes finden sich in Abbildung 3 und diese sollen in einem Stufenmodell bis ins Jahr 2022 in allen Re- gionen etabliert sein. Hierzu wird gemeinsam mit den Expertinnen und Experten der klinisch-pharmazeutischen Beratung und den Regionalmanagements eine auf die Region angepasste Implementierung initiiert, die sowohl die organisatorischen als auch die ressourcentechnischen Rahmenbedingungen im stufenweisen Ausbau be- rücksichtigt. Das Ziel ist klar definiert, bei in einem NÖ Landes- oder Universitätsklinikum zu behandelnden Pati- enten in gleich guter Qualität Pharmazeuten zielgerichtet aktiv hinzuziehen zu können und gleichzeitig ein Si- cherheitsnetz für alle Patienten zu spannen.

Das Pilotprojekt konnte beweisen, dass ein strukturiertes Vorgehen auf Basis von festgelegten Standards in der klinisch-pharmazeutischen Beratung die intendierten Zielsetzungen sehr gut unterstützt und diese für einen Rollout auch in unterschiedlichen medizinischen Settings geeignet ist.

erschienen in WIR INTERN 02/2019