INTERVIEW

„Sind keine Hellseher“

Univ.-Prof. Dr. Ojan Assadian, Ärztlicher Direktor im LK Neunkirchen, über die Auswirkungen von Corona in den NÖ Kliniken.

fotoS: Philipp Monihart

Wie lange schätzen Sie, wird die Corona-Pandemie andauern?

Assadian (lacht): Jeder Virologe wird zurzeit für ein griechisches Orakel gehalten. Wir sind keine Hellseher. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Das gab es noch nie in der dokumentier- ten medizinischen Geschichte, dass die gesamte Menschheit die gleichen Maßnahmen anwendet. Es kann niemand seriös behaupten, wie lange es noch dauern wird. Das sind reine Vermutungen.


Wie finden Sie die Maßnahmen der Regierung?

Ich bin begeistert und überrascht, dass so konsequente Maßnahmen ergriffen wurden. Sie sind genau im richtigen Moment gekommen. Wir Hygieniker haben immer auf diesel- ben Maßnahmen während der Grippewelle hingewiesen: Abstand halten, Hände wa- schen, zu Hause bleiben.


Was sind die größten Gefahren für Kliniken und Pflegeheime in dieser Zeit?

Die Problematik ist, dass ein Patient das Virus auf das Personal überträgt und dieses es dann wieder auf einen ge- sunden Patienten überträgt. Die vernünftigste Maßnahme ist, dass jemand, der Grippesymptome aufweist, ohne Ab- klärung mit der Gesundheitshotline nicht ins Klinikum kommt.


Was bedeutet die Krise für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

Ich finde es großartig, wie mit dem Thema umgegangen wird. Wenn ein Klinikum zu einem Corona-Klinikum wird, ist die Sorge anfangs meist groß und die Mitarbeiter fragen sich, was auf sie zukommt. Nach drei, vier Tagen und mit klaren Vorgaben arbeiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr professionell und ruhig. Sie können ihre Experti- se dann auch sehr gut für andere Kliniken einbringen. Generell sollte man seine Arbeit machen und sich darauf ver- lassen, dass andere auch ihre Arbeit leisten. Gemeinsam schaffen wir das mit Sicherheit.


Wie geht man richtig mit der Schutzausrüstung um?

Wenn der Träger nicht weiß, warum er die Schutzkleidung trägt, macht er grundsätzlich etwas falsch. Es hängt da- von ab, in welchem Ausmaß man in Kontakt ist. Man muss nicht immer den höchsten Schutz verwenden. Wir haben adäquate Schutzmaßnahmen und es ist wichtig, dass relevante Menschen ihn auch richtig verwenden.


Kommt im Herbst/Winter eine erneute Coronawelle auf uns zu?

Was wir wissen, ist, dass das Virus mit der Zeit auslaufen wird. Danach gibt es zwei Szenarien: Entweder es kommt gleich die nächste Welle oder das Virus verändert sich und wird pro Übertragung weniger infektiös. Das sind aber alles Spekulationen. Ich würde es selbst gerne wissen.


Wie wird man Mitarbeiter wappnen müssen, damit sie für zukünftige Ausbrüche vorbereitet sind?

Wenn es soweit ist, werden wieder alle überrascht sein. Jedes Jahr überrascht uns die Influenza wieder. Von Jahr zu Jahr wird aber unsere Infrastruktur besser. Ebola hat dabei geholfen, ebenso die Vogelgrippe. Österreich muss die Dinge nicht neu erfinden, bewährte Maßnahmen gibt es schon.


Daniela Rittmannsberger

erschienen in WIR INTERN 02/2020