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Professionelle Recherchen

Das Evidenzbasierte Informationszentrum (ÄIZ) an der Donau-Universität Krems recherchiert für Ärztinnen und Ärzte der NÖ Kliniken und hat dafür Zugriff auf Millionen von Studien.

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Die Ärztinnen und Ärzte der NÖ Kliniken haben einen einmaligen Service zur Verfügung: Das evidenzbasierte In- formationszentrum für Ärztinnen und Ärzte (ÄIZ) beantwortet Fragen aus dem klinischen Alltag (siehe Infokasten). Beim ÄIZ landen Anfragen aus den verschiedensten Fachbereichen. Zum Beispiel Fragen nach Studien zu neuen Chemotherapeutika und ob diese halten, was sie versprechen, oder zur Wirksamkeit der HPV-Impfung. Oder Fra- gen zu orthopädischen Operationstechniken und welches Verfahren bei einer bestimmten Diagnose bessere Re- sultate bringt.

Das Team des ÄIZ besteht aus ehemals in Kliniken tätigen Ärztinnen und Ärzten. Diese wissen aus eigener Erfah- rung, wie schwierig es ist, im Krankenhausalltag wissenschaftlich up-to-date zu bleiben. Dieses Team hofft, dass die Rapid Reviews den klinischen Alltag erleichtern und somit Ärztinnen und Ärzte bei ihrer Arbeit unterstützen. Dr. Jana Meixner, eine der recherchierenden Ärztinnen des Teams: „Wir freuen uns, wenn wir Rückmeldung von den anfragenden Ärztinnen und Ärzten bekommen. Wenn wir für Informationsveranstaltungen in die Kliniken kommen und unsere Arbeit vorstellen, erleben wir meistens großes Interesse. Der Bedarf an wissenschaftlich fundierten Antworten scheint also groß zu sein.“ Bei der bunten medizinischen Vielfalt mache es auch Freude, an den Re- views zu arbeiten, sagt Meixner, die auch die drei Beispiele aus den Anfragen ausgewählt hat: „Wir sind so immer mit neuen Themen konfrontiert, lesen uns in die Materie ein und beschäftigen uns intensiv damit. Das macht die Arbeit im Ärzteinfozentrum so spannend.“


Was tun bei Beinahe-Ertrinken?

Erst kürzlich erreichte das ÄIZ eine Anfrage eines Anästhesisten aus der Klinischen Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin im UK St. Pölten, zu Beinahe-Ertrinkungsunfällen von Kindern: „Ist es sicher, bei Kindern nach un- beabsichtigtem Untertauchen (Beinahe-Ertrinken, Kopf unter Wasser) ohne darauffolgende Symptome (keine Atemnot, keine Bewusstseinsstörung) auf ärztliche Vorstellung zu verzichten?“

Der Arzt ist auch bei der telefonischen Gesundheitsberatung 1450 tätig. In letzter Zeit gingen dort vermehrt Anrufe von besorgten Eltern ein, deren Kinder beim Baden unbeabsichtigt mit dem Kopf unter Wasser geraten waren. Zeigen solche Kinder Symptome wie andauerndes Husten oder Atemschwierigkeiten, ist eine ärztliche Begutach- tung klar notwendig. Oft sind die Kinder nach anfänglichem Husten jedoch schnell wieder vollkommen beschwer- defrei. Eltern sind trotzdem verunsichert und erwarten ärztliche Kontrolle. Auch asymptomatische Kinder werden dann oft stationär aufgenommen. Die Ärztinnen und Ärzte wollen eine Unterstützung durch wissenschaftliche Da- ten: Können sie solche Kinder mit gutem Gewissen zu Hause lassen? Es geht aber auch um die Frage, wie durch evidenzbasierte Entscheidungen verhindert werden kann, dass sich „die Unsicherheit von Eltern im System fort- setzt“, sagt der Anästhesist. Die Anfrage wurde zu Redaktionsschluss noch bearbeitet, Ergebnisse erscheinen auf der Homepage.


Pre-operative Dekontamination

Aus dem LK Zwettl erreichte das ÄIZ eine Anfrage zur universellen Dekontamination vor orthopädischen Eingriffen. Bei der universellen Dekontamination bekommen Patienten am Vorabend der Operation ein Duschbad mit antimi- krobiellem Wirkstoff, mit dem sie den ganzen Körper waschen. Die Bakterienzahl auf der Haut soll dadurch mini- miert und das Risiko für postoperative Infektionen der Wunden verringert werden. Überall auf der Welt gibt es chir- urgische Stationen, auf denen man es so oder ähnlich handhabt. Bringt das antimikrobielle Waschen wirklich Vor- teile und gibt es dazu verlässliche Studien? Das wollte der anfragende Orthopäde vom ÄIZ wissen. Auf seiner Sta- tion werden derzeit nur Patienten antimikrobiell gewaschen, denen Hochrisiko-Operationen bevorstehen, wie an der Wirbelsäule oder Gelenksprothesen. Gäbe es eindeutige Hinweise darauf, dass die Dekontamination Wundin- fektionen vorbeugen kann, wäre es denkbar, alle Patienten vor dem Eingriff mit antimikrobiellem Duschbad zu ver- sorgen, ob Hochrisiko-Operation oder nicht. Wäre hingegen kein Effekt nachweisbar, so könne man den Nutzen solcher Reinigungsprozeduren grundsätzlich hinterfragen. Der Rapid Review zu dieser Frage zeigt: Es gibt keinen Unterschied in der Infektionsrate zwischen gewaschenen und ungewaschenen Patienten. Da ein antimikrobielles Duschbad etwas teurer in der Anschaffung ist als herkömmliche Seife, können angesichts dieses Ergebnisses möglicherweise unnötig hohe Kosten vermieden werden.


Konservativ oder chirurgisch?

„Um in Diskussionen mit den Kolleginnen und Kollegen von der Chirurgie stichhaltige Argu- mente zu haben“, fragte ein Neurologe des LK Horn nach der optimalen Behandlung der asymptomatischen Carotisstenose. Wovon pro- fitieren Patienten hinsichtlich Sterblichkeit und Schlaganfallrisiko mehr: vom operativen oder vom konservativen Vorgehen? Das Ergebnis des Rapid Reviews war überraschend: Inner- halb der ersten 30 Tage nach der jeweiligen Behandlung hatten operierte Patienten häufiger einen Schlaganfall als medikamentös behan- delte. Über einen längeren Zeitraum betrachtet kehrte sich das Bild allerdings um. Waren die ersten 30 Tage nach der Operation heil über- standen, war es weniger wahrscheinlich, einen Schlaganfall zu erleiden als ohne Operation.

erschienen in WIR INTERN 04/2019