AKUTVERSORGUNG

Meilenstein für den Notfall

Der Akutversorgungsnachweis bringt Unfallopfer und Notfälle in das jeweils bestgeeignete nächste Klinikum – ein gemeinsamer Erfolg, der mit viel Engagement gelungen ist.

Der schnelle Blick auf das I-Pad gibt Sicherheit: Mitarbeiter von 144 Notruf NÖ testen den Akutversorgungsnachweis.

foto: NLK Filzwieser

Welche Abteilung in welchem Klinikum kann welche Leistungen für Notfall-Patienten erbringen? Und welche dieser Abteilungen ist in diesem Moment auch tatsächlich in der Lage dazu? Diese im Fall eines Herzinfarktes oder eines schwer verletzten Unfallopfers so entscheidenden Fragen beantwortet der Akutversorgungsnachweis: Er führt die Sanitäter und Notärzte im ganzen Land per Blick auf den Bildschirm zum für diesen akuten Notfall richtigen Klini- kum. Er kann aber auch noch deutlich mehr: Statt wie bisher zahlreicher Telefonate mit den Unfallchirurgen, Herz- spezialisten und Anästhesisten reicht nun ein Knopfdruck und das System informiert automatisch die gebuchte Not- aufnahme oder Ambulanz. Diese können rasch alles Nötige für den Notfall-Patienten klären und vom Schockraum bis zum Anästhesisten und Operateur vorbereiten.


Hunderte Primarii-Gespräche

Was so logisch und einfach klingt, ist ein Thema, mit dem sich 144 Notruf NÖ und die Landeskliniken-Holding seit 2015 beschäftigen: Dr. Martin Bayer, zuständig für den Bereich Notfall- und Katastrophenmedizin in der Abteilung Medizinische Betriebsunterstützung der Holding-Zentrale und selbst seit Jahrzehnten Notarzt, berichtet: „Wir haben mit den Primarii in allen Kliniken genau besprochen, welche Fälle ihre Abteilung tatsächlich übernehmen kann und wie die Ressourcen im Klinikum beschaffen sind.“ Hunderte Gespräche mit den im Notfall relevanten Primarii sowie den leitenden Oberärzten in zwei Durchgängen ab 2017 sowie Beispiele aus der Steiermark, Bayern und Hessen führten in mehreren Verbesserungsrunden zum heutigen Stand des Akutversorgungsnachweises. Im zweiten Durchgang 2018 wurden auch Pflegedirektoren und die Stationsleiterinnen und -leiter der Aufnahmestationen in den Prozess eingebunden. Immer wieder wurde an der Verbesserung des Systems gearbeitet, berichtet Bayer: „Wir feilen und verbessern laufend gemeinsam weiter, denn es geht darum, Schwerbetroffene optimal versorgen zu können.“


Aktuelle Klärung der Kapazitäten

Was war damals für diesen Prozess ausschlaggebend? „Wenn in einem Haus der Grundversorgung gerade ope- riert wird, können wir ihnen keinen Patienten bringen, weil sie keine freien Kapazitäten dafür haben. Denn ein Arzt und ein Team kann sich jeweils nur um einen Patienten kümmern. Es reicht also nicht aus, zu wissen, dass das je- weilige Klinikum diese Leistungen erbringen kann. Wir müssen auch wissen, ob sie jetzt, im Moment, auch dazu in der Lage sind und ob vom Schockraum bis zum Anästhesisten alles bereitsteht für den aktuellen Notfall. Sonst fah- ren wir das nächste Klinikum an, dass die erforderlichen Leistungen erbringen kann.“


Ressourcen statt Bett

Ing. Christof Constantin Chwojka, Geschäftsführer von Notruf NÖ, erklärt: „Auf Basis der im Vorfeld erhobenen Not- fallversorgungskapazitäten bekommt das Rettungsteam in der Sekunde elektronisch mehrere Vorschläge der auf- nahmebereiten und für den Patienten geeigneten Kliniken, die das vorliegende Krankheitsbild oder Verletzungs- muster versorgen können – dies in Abhängigkeit vom aktuellen Standort des Rettungsmittels.“ Er ergänzt: „Jetzt ist auch sichergestellt, dass es in einem Notfall nicht vorrangig um das nächste freie Bett, sondern tatsächlich um die Notfall-Ressourcen geht. Denn zuerst muss ein Notfallpatient behandelt und stabilisiert werden. Wenn das gesche- hen ist, ist vielleicht auch schon ein Bett frei oder freigemacht oder wir transferieren den behandelten und stabili- sierten Patienten in ein anderes Klinikum, wo dann eben ein Bett frei ist. Das ist ein wesentlicher Vorteil für die Ein- haltung der erforderlichen Therapiezeitfenster!“


Info per Knopfdruck

So funktioniert der NÖ Akutversorgungsnachweis: Rettungsdienste geben bestimmte patientenbezogene Informa- tionen in das System ein und erhalten in Echtzeit den Vorschlag für das nächstgelegene geeignete und aufnahme- bereite Zielkrankenhaus. Jede Diagnose und jedes Leitsymptom ist mit den zur Versorgung erforderlichen personel- len und technischen Ressourcen hinterlegt. Dadurch ergibt sich die grundsätzliche Versorgbarkeit des Patienten mit dem jeweiligen Leitsymptom in einem bestimmten Klinikum: Für einen Schlaganfall beispielsweise ist zwingend ein CT und eine Abteilung für Neurologie/Stroke Unit erforderlich. Durch den aktuellen Standort des Rettungsteams werden also nur jene nächstgelegenen Kliniken vorgeschlagen, die grundsätzlich fachlich geeignet und zum jeweili- gen Zeitpunkt auch personell und technisch betriebsbereit sind. Dafür sind folgende Ressourcen berücksichtigt: Schockraum traumatologisch, Schockraum internistisch, Computertomographie, Notfall-Endoskopie, Herzkatheter. Das Rettungsteam kann sich an den Vorschlag des Systems halten, muss aber nicht.


Selbstverwaltung der Kliniken

Die Kliniken können die Verfügbarkeit der eigenen Ressourcen selbst verwalten. Sperren sollen im System nur er- folgen, wenn eine Akutversorgung ausnahmsweise technisch oder personell nicht möglich ist. Auch geplante Sper- ren, zum Beispiel für eine Wartung von Geräten, können eingegeben werden. Alle Sperren werden im zeitlichen Verlauf dokumentiert und sind für alle anderen Kliniken und die Landeskliniken-Holding sichtbar.

Der Akutversorgungsnachweis befasst sich ausschließlich mit Notfall-Versorgungskapazitäten. Die Anzahl freier Betten auf Normal- oder Intensivstationen wird nicht berücksichtigt, da es ja um die rasche Versorgung geht und nicht darum, wo die Patientin oder der Patient schlussendlich liegt.


Riki Ritter-Börner

erschienen in WIR INTERN 03/2019