RADIOLOGIE

Keine technische Spielerei

Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen revolutionieren die Medizin: Im Fachbereich Radiologie steigern sie die Befundungsqualität und ermöglichen exaktere Diagnosen.

Moderne Geräte und eine spezielle Software haben die Bildbefundungs-Qualität auf ein neues Level gehoben.

Dr. Andi Binaj (re.) stellt sicher, dass alle Kolleginnen und Kollegen der Radiologie mit der Software vertraut sind.

fotoS: philipp monihart, Florian Kampl

„Fakt ist, dass niemand mehr am Thema künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen vorbeikommt. Hier geht es nicht um eine technische Spielerei – sondern um eine Herausforderung, die wir annehmen müssen, um auf dem neuesten medizinischen Stand zu bleiben“, sagt Dr. Andi Binaj, Oberarzt am Klinischen Institut für Radiologie des Uniklinikums Krems. Seinen Schwerpunkt hat Binaj auf die Digitalisierung in diesem Fachbereich gesetzt. Das Ziel dahinter: Mithilfe von Computer-Programmen sollen möglichst übersichtlich und präzise viel mehr Informationen aus Schnittbildern gefiltert werden. Im Routinebetrieb des UK Krems sei viel davon bereits gelungen: „Zum einen durch die Anschaffung von modernen Geräten mit bereits integrierter künstlicher Intelligenz. Zum anderen durch die Ver- wendung spezieller Computer-Applikationen in der Routinebefundung bei vielen Fragestellungen“, sagt der Radiologe.


Breites Spektrum

„Maschinelles Lernen“, erklärt Binaj, „ist ein Bereich der künstlichen Intelligenz, in dem Computer-Algorithmen an- hand von Beispielen lernen, bestimmte Aufgaben zu lösen.“ In der medizinischen Praxis hat maschinelles Lernen insbesondere in den Bereichen Kardiologie, Pulmologie, Onkologie, Urologie, Prostata- und Brust-Bildgebung einen großen Nutzen. „Durch eine spezielle Bildbefundungs-Software mit künstlicher Intelligenz können wir zum Beispiel Herzkranzgefäße dreidimensional darstellen und Gefäßverengungen exakt beurteilen. Außerdem ist es uns gelun- gen, Herzgefäße und herznahe Gefäße mit einer viel geringeren Strahlenbelastung und Kontrastmittelmenge abzu- bilden. So können auch Patientinnen und Patienten mit einer eingeschränkten Nierenfunktion diese Untersuchungen bekommen.“ Gute Erfolge erzielt künstliche Intelligenz in der Krebstherapie: Bösartige Tumore können mittels Soft- ware genau vermessen und der Verlauf des Tumors kann standardisiert nach internationalen Kriterien und reprodu- zierbar visualisiert werden. „Außerdem kann man bei speziellen Krebstherapien viel spezifischer und genauer fest- stellen, wie gut die Patientin, der Patient auf eine Therapie anspricht“, unterstreicht Binaj. Bei all diesen Untersu- chungen gelinge es dank künstlicher Intelligenz der Geräte und Software-Pakete, auch die Strahlenbelastung für Patientinnen und Patienten so gering wie möglich zu halten.


Nächste Schritte

Im Auftrag der NÖ Landesgesundheitsagentur ist Experte Binaj in den anderen NÖ Kliniken als medizinischer Be- gleiter und Berater für die Einführung der Software-Pakete im Rahmen des NÖ RIS/PACS-Projekts unterwegs. In einem ersten Schritt führte er Gespräche mit Primarärztinnen und -ärzten der radiologischen Abteilungen des Most- viertels, um den jeweiligen Bedarf festzustellen. „Orientiert an den Schwerpunkten des jeweiligen Klinikums haben wir darauf geachtet, dass nur die tatsächlich benötigten Programme gekauft und eingesetzt werden“, sagt Binaj.

Nun wird durch das Einschulen des Person- als – einerseits durch die Applikationsspezial- isten, andererseits durch Tipps von Experte zu Experte – sichergestellt, dass die Pro- gramme auch in der Praxis effizient angewendet werden. Die weiteren Regionen folgen schrittweise. „Unser Ziel ist es, dass innerhalb der NÖ Landesgesundheitsagentur standardisierte Ergebnisse geliefert und die gleichen Methoden angewendet werden. Damit optimieren wir die Arbeitsprozesse und die Befundungsqualität steigt“, erklärt der Ra- diologe. „Wir können gar nicht anders, als mit künstlicher Intelligenz zu arbeiten, denn sie ist die Zukunft“, gibt Binaj zu bedenken. „Die künstliche Intelligenz wird im freien Spiel der Kräfte ihren Platz greifen, aber wir können dafür sorgen, dass wir damit auch umgehen und sie steuern können.“ Umso wichtiger sei es, sich intensiv mit dem Thema auseinan- derzusetzen und sich regelmäßig weiterzu- bilden: „Wenn wir die Notwendigkeit der kün- stlichen Intelligenz erkennen, können wir auch unser Fach weiterentwickeln. Davon profitieren in erster Linie unsere Patientinnen und Patienten – weil sie weiterhin die beste und modernste medizinische Betreuung bekommen.“


Michaela Neubauer

erschienen in WIR INTERN 02/2020