CORONA-KRISE

Wettlauf gegen die Zeit

Ob sich Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert haben, können nur fachspezifische Tests zeigen. Für die Auswertung gehen Labormedizinerinnen und -mediziner täglich an ihre Grenzen.

Unterstützung bei Covid-19-Tests


In einer Krise entstehen oft Kooperationen, mit denen man nicht gerechnet hätte. Eine große Unterstützung für das Uniklinikum Tulln war die Firma Biomin, ein führendes Unternehmen im Bereich der Tierernährung, bei den PCR-Tests. OA Dr. Michael Odpadlik, Leiter des Labors im Uniklinikum Tulln, fädelte die Zusammenarbeit ein. Da sich Biomin bei der Herstellung von Impfstoffen für veterinärmedizinische Anwendun- gen durch höchste wissenschaftliche Kompetenz auszeichnet, stand die fachliche Qualifikation der akademischen Mitarbeiter von Biomin für die Durchführung einer diagnostischen PCR nie in Frage. Auch die Bereitschaft, das Klinikum in dieser schwierigen Phase zu unterstützen, war von Beginn an da, wofür alle Beteiligten mehr als dankbar sind.


(v.l.) Biomin-Analytiker DI Dr. Martin Siller und DI Dr. Sebastian Fruhauf, DI Dr. Wulf-Dieter Moll (Gruppenleiter Forschung) und Ulrike Koschitz (stv. Laborleitung UK Tulln) im Biomin-Forschungslabor

Mitarbeiterinnen des LK Mistelbach-Gänserndorf bei der Arbeit: (li.) BMA Marie-Therese Scheichenberger, BSc,

und Jasmin Lehner pipettieren die Proben an der Sicherheitswerkbank. (Mitte) BMA Patricia Geiger entimmt eine Probe. (re.) BMA Sabrina Seidl-Koch, MSc, am Roche cobas 6800 bei der SARS-CoV-2-Testung




fotoS: philipp monihart, Florian Kampl

Seit Beginn der Covid-19-Ausbruchswelle stehen die Laboratorien im ganzen Land unter Strom. Prim. Dr. Harald Rubey, Leiter des Instituts für medizinische und chemische Labordiagnostik am LK Mistel- bach-Gänserndorf, erinnert sich an die erste Zeit zurück: „Wir sollten etwas testen, zu dem wir nichts wussten. Wir hatten weder zugelassene Tests noch zertifizierte Reagenzkits. Rohmaterialien waren überall ausverkauft. Gleichzeitig der Druck von außen: Es musste schnell gehen.“ Und das tat es auch – innerhalb von zwei Wochen wurde eine Möglichkeit zur Testung im Labor etabliert. Doch Rubey er- kannte rasch die nächste Herausforderung: „Die Arbeit mit dem SARS-Coronavirus-2 erfordert die bio- logische Schutzstufe 2, weil der Erreger der Krankheit durch Aerosole in der Luft übertragen wird und somit beim Öffnen von Probengefäßen eine Gefahr für die Mitarbeiter entsteht. Nur Einrichtungen die- ser Schutzstufe hatten wir nicht.“ Eine Lösung fand das Team, indem es sich vorübergehend im Institut für Klinische Pathologie und Molekularpathologie einquartierte – denn dort wurden die Voraussetzun- gen für eine höhere Schutzstufe erfüllt.

Nachdem bei Verdachtsfällen Abstriche aus dem Mund-, Nasen- und Rachenraum genommen wurden, können Labore das virale Erbgut durch einen molekularen Test, die „Realtime Reverse Transkriptase Polymerase-Kettenreaktion“ (kurz: RTPCR) nachweisen. Das entnommene genetische Material wird dabei durch ein Gerät in mehreren Zyklen vervielfältigt. Durch den Einsatz von fluoreszierenden Stof- fen stellen Labormedizinerinnen und -mediziner anschließend fest, ob die gesuchten Gensequenzen des Virus vorliegen. Bis zu 700 Abstrichröhrchen aus halb Niederösterreich wurden täglich in Mistel- bach angeliefert. Die Patienten- und Auftragsdaten mussten mühsam manuell erfasst werden. Nach der Abarbeitung mussten die gedruckten Befunde zumeist händisch aussortiert werden und per Fax an die Einsender übermittelt werden. Für die durchschnittliche tägliche Erstellung von 470 Befunden wa- ren trotz hoch automatisierter Geräteausstattung rund 48 Mitarbeiterstunden erforderlich. „Anfangs fühlte es sich an wie ein Zurückfallen in die Steinzeit. Vorgänge, die normalerweise hochtechnisiert im Hintergrund ablaufen, erforderten plötzlich einen enormen logistischen und administrativen Aufwand. Es hat lange gedauert, bis sich ein akzeptabler Betrieb eingependelt hat“, sagt Rubey.


Steigende Testfrequenz

In der Thermenregion ist das Zentrallabor des LK Wiener Neustadt für die Auswertung der Corona- Tests verantwortlich. Täglich werden dort bis zu 400 Ergebnisse generiert, erzählt die Leiterin Prim. Dr. Karin Köhrer, MSc, MBA. Durch einen Schichtbetrieb in Dreierteams wurde von Anfang an sicherge- stellt, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Falle einer Infektion nicht gegenseitig anste- cken. Drei weitere Mitarbeitende kümmern sich um die administrative

Verwaltung – denn die bestätigten Fälle müssen händisch in das System der Labor-EDV eingetragen und anschließend gemeldet werden. Ein Prozess, der bis zu fünf Stunden dauert. „Schnell hat sich ge- zeigt, dass das Herunterfahren des normalen Klinikumbetriebs in keiner Relation zum Mehraufwand steht. Mein Team arbeitet über seine Grenzen hinaus. Auch nach wochenlanger Arbeit sind sie hoch- motiviert und zeigen vollen Einsatz. Das ist fast ein bisschen übermenschlich“, schildert Köhrer. Ein Ende dieser besonderen Belastung ist noch länger nicht in Sicht. Denn: „Die schrittweisen Lockerun- gen im gesellschaftlichen Leben beruhen auf einer ständig steigenden Testfrequenz. Eine der größten Herausforderungen ist es, nicht zu wissen, wie lange das alles noch geht. Die Perspektiven sind nicht abgesteckt“, sagt die Labormedizinerin.

Zu den PCR-Testungen kamen allmählich auch Antikörpertests hinzu, bei denen durch eine Blutprobe festgestellt wird, ob Personen bereits mit dem Virus in Kontakt gekommen sind. Die große Verunsiche- rung und das Bangen um ein Testergebnis war deutlich zu spüren, erzählt Harald Rubey: „Immer öfter haben uns Patientinnen und Patienten angerufen, um zu fragen, ob sie positiv sind. Es wurde erwartet, dass eine Stunde nach der Testung bereits ein Ergebnis

vorliegt. Auch in den Medien sind Zerrbilder der Labormedizin entstanden, die wenig Wertschätzung für unsere Arbeit in dieser Ausnahmesituation gezeigt haben. Das war für unsere Teams sehr verlet- zend. Ohne unsere gute Zusammenarbeit, die Solidarität im Team und das Motto ‚gemeinsam schaffen wir das‘ hätten wir dem Druck nicht standgehalten.“


Nachwuchskräfte gesucht

Ob die Corona-Krise die Labormedizin nachhaltig verändert hat, wird erst die Zeit zeigen, sind sich die beiden einig: „In der Krise sind wir alle über uns hinausgewachsen. Es hat sich gezeigt, dass wir ein Fach sind, das sich ständig mit Qualität auseinandersetzt und Prozesse evaluiert. Das müssen wir auch weiterhin tun, denn der Arbeitsaufwand steigt kontinuierlich. Vor allem, weil wir neben den Coro- na-Testungen auch unsere Routinetätigkeiten wieder aufgenommen haben. Außerdem muss es uns künftig möglich sein, in Krisensituationen ohne Technologiebrüche zu arbeiten“, sagt Rubey. Und Köh- rer ergänzt: „Ich denke, dass sich der Blick auf unser Fach innerhalb der Medizin deutlich gewandelt hat. Wir leisten einen enorm wichtigen Beitrag im Klinikbetrieb. Ich wünsche mir, dass das Fach den Schwung mitnimmt und sich auch wieder mehr junge Kolleginnen und Kollegen dafür interessieren.“


michaela neubauer

erschienen in WIR INTERN 03/2020