IM PORTRÄT

Zweite Chance für jeden?

Als Leiter der forensischen Psychiatrie im LK Mauer sorgt Prim. Prof. Dr. Christian Luckhaus dafür, dass Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen nicht mehr zu Tätern werden.


Gemeinsam mit OA Dr. Christian Schleifer und der klinischen Psychologin Mag. Marion Hörmann

arbeitet Luckhaus aktuelle Fälle auf.

Im LK Mauer hat der gebürtige Berliner Dr. Christian Luckhaus seine neue berufliche Heimat gefunden.

Prim. Prof. Dr. Christian Luckhaus 52 Jahre alt, wohnhaft in Mauer

-1988: Studium der Humanmedizin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und am King’s College London (DAAD)

-2002: Anerkennung als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,  Oberarzt an der Abteilung für Allgemeine Psychiatrie des LVR-Klinikums Düsseldorf

-2007: Erlangung der Schwerpunktbezeichnung Forensische Psychiatrie

-2009: Eintragung als sachverständiger  Prognosegutachter, Erlangung des Zertifikats „Psychiatrie, Psychothera- pie und Psychosomatik im Konsiliar- und Liaisondienst“

-2011: Habilitation und Erlangung der Venia Legendi an der Medizinischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universi- tät Düsseldorf

-2015: Erlangung des DGPPN-Zertifikats „Forensische Psychiatrie“

-2016: Erlangung der apl. Professur für Psychiatrie und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf

-2017: Oberarzt  LWL-Universitätsklinikum Bochum, Berufung zum W2-analgen Universitätsprofessor für Biologi- sche Psychiatrie an der Ruhr-Universität Bochum

-1. August 2019: Übernahme des Primariats Forensische Psychiatrie am Landesklinikum Mauer

fotoS: Daniela Führer

Was macht eigentlich ein forensischer Psychiater? Was gilt es zu beachten beim Behandeln von schweren psychi- schen Erkrankungen, die Menschen zu Tätern werden ließen? Die Antwort auf diese Fragen kennt Dr. Christian Luckhaus. Er ist seit 1. August Leiter der 4. Psychiatrischen Abteilung für Forensische Psychiatrie am Landesklini- kum Mauer. Der gebürtige Berliner war bis zu seinem Wechsel ins LK Mauer als bereichsleitender Oberarzt und Universitätsprofessor für Biologische Psychiatrie am LWL-Universitätsklinikum Bochum tätig. Seinen Hauptwohnsitz für die neue berufliche Aufgabe nach Mauer zu verlegen, fiel ihm nicht schwer: Schon oft kam er zu Kongressen oder als Tourist nach Österreich, nun freut er sich darüber, hier langfristig angekommen zu sein.


Sicherheit wahren

Erst im Sommer 2018 eröffnete das Landesklinikum Mauer eine neue forensische Abteilung. Beim Bau des zweige- schossigen Gebäudes wurde damals großer Wert auf umfassende Sicherheitsvorkehrungen gelegt: Die Außenbe- reiche sind durch Gräben und eine zweite Zaunanlage vom öffentlichen Park abgegrenzt, die Eingangsbereiche, umzäunten Außenanlagen und Teile des Gebäudes sind kameraüberwacht. Dieser hohe Anspruch an die Sicher- heit soll allerdings nicht nur während der Unterbringung im Klinikum gewahrt werden: Ziel der forensischen Psychia- trie ist, dass Patientinnen und Patienten in ihrem weiteren Leben deliktfrei bleiben und wieder sozial in die Gesell- schaft integriert werden können.

Luckhaus und sein Team betreuen forensisch-psychiatrische Patientinnen und Patienten stationär und poststatio- när. Er erklärt das so: „Kommt das Gericht durch eine gutachterliche Beurteilung zu dem Schluss, dass ein Täter schuldunfähig ist, aber wegen der Schwere der Tat und möglicher Wiederholungsgefahr in einer psychiatrischen Abteilung untergebracht werden muss, nennt man das Maßnahmevollzug. Diesen Personen bieten wir eine psych- iatrische Behandlung, mit dem Ziel, dass sie danach nicht mehr gefährlich sind.“

Am Anfang steht eine genaue Diagnostik der psychischen Störungen und somatischen Erkrankungen. Darauf auf- bauend erstellen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte ein auf diesen Menschen zugeschnittenes Behandlungs- konzept. Bausteine der Behandlung sind beispielsweise Psychopharmaka-Therapien und Einzel- sowie Gruppen- therapien, Psychoedukation, kognitive Therapien und Körperwahrnehmungstrainings.

Auf der forensischen Psychiatrie in Mauer werden die Patientinnen und Patienten auch durch sporttherapeutische und Freizeit-Maßnahmen unterstützt. Nach einiger Zeit der Therapie können sie  von ihrer Maßnahme-Unterbrin- gung beurlaubt und im günstigen Fall auch bedingt entlassen werden. Das geschieht in den meisten Fällen aber erst nach einer längerfristigen Rehabilitation, für die im LK Mauer eigene Räume zur Verfügung stehen. Der Maß- nahmenvollzug ist, anders als eine Haftstrafe, nicht befristet, er wird jedoch jährlich durch das zuständige Gericht überprüft. Luckhaus selbst hat mehr als 20 Jahre lang forensische Gutachten über Schuld und Gefahr erstellt. Auch in Österreich möchte er

die forensisch-psychiatrische Gutachtertätigkeit nach seiner Einarbeitungsphase im LK Mauer wieder aufnehmen. „Bereits in meinen ersten Berufsjahren wurde ich an die Gutachtertätigkeit herangeführt und empfand sie als ein spannendes Tätigkeitsfeld in der Psychiatrie. Zu einem späteren Zeitpunkt in Düsseldorf ergab sich dann die Chan- ce, einen forensischen Bereich neu zu konzipieren und mitaufzubauen – diese Aufgabe habe ich gerne übernom- men und den Bereich dann über zehn Jahre lang oberärztlich geleitet“, reflektiert Luckhaus seine Entwicklung.


Interdisziplinärer Dialog

Als neuer Abteilungsleiter will Luckhaus dafür sorgen, dass die Untergebrachten eine gute und an den psychiat-

rischen Leitlinien orientierte Behandlung sowie eine sichere Unterbringung erfahren. „Gleichzeitig müssen auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sorgfältig angeleitet wer- den und in einem positiven und sicheren Arbeitsumfeld ihrer Tätigkeit nachgehen kön- nen.“ Damit das gelingt, finden häufig Abteilungsbesprechungen statt. Kürzlich wurde ein Journalclub etabliert, bei dem bestimmte Schwerpunkte in Form von Kurzvorträgen diskutiert werden. Fortbildungen und Deeskalationsseminare geben sowohl dem Pflege- als auch dem Ärzteteam zusätzlich Sicherheit. „Mir liegt am Herzen, dass die Teams in einen interdisziplinären Dialog treten. Denn jede Berufsgruppe hat einen anderen Blick- winkel auf die unterschiedlichen Themen“, meint der Primar. Der gemeinsame Dialog sei auch wichtig, um in schwierigen Situationen neutral zu bleiben. „Eine gute Psychiaterin oder einen guten Psychiater macht es aus, dass sie oder er einerseits in emotionale Re- sonanz gehen können, also die Fähigkeit haben, mit Patienten mitzufühlen, andererseits aber die nötige Distanz wahren. Die Reflektion im Kollegenkreis hilft dabei, wieder zu ei- ner neutralen Grundhaltung zurückzufinden.“


Erinnerungen, die bleiben

Obwohl Luckhaus oft mit schwierigen Fällen zu tun hat, schätzt er die Arbeit mit Patien- tinnen und Patienten sehr: „In meinem Beruf hat man die Chance, Menschen über einen längeren Zeitraum zu begleiten. Das sind Personen, die in doppelter Weise einen Schicksalsschlag erlitten haben – indem sie einerseits eine schwere psychische Erkran- kung haben und andererseits zum Täter geworden sind. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns neben dem Sicherheitsinteresse der Gesellschaft auch darum kümmern, diese Menschen medizinisch zu versorgen und sie dabei unterstützen, keine Verbrechen mehr zu begehen.“

Eine wichtige Rolle für den Erfolg der Therapie spiele die Einsichtsfähigkeit der Patien- tinnen und Patienten: „Wenn sie nicht verstehen, warum eine Therapie dringend not- wendig ist, kann das ein erhebliches Problem werden. Dann muss man versuchen, ihr Vertrauen zu gewinnen und ihnen immer wieder Behandlungsangebote machen. Oft ge- lingt das vollständig, manchmal gestaltet es sich aber als sehr schwierig. Zum Beispiel, wenn ein Patient schizophren krank und seine Einsichtsfähigkeit in den akuten Phasen beeinträchtigt ist“, erklärt Luckhaus.

Immer wieder gab es Fälle, die dem Psychiater länger in Erinnerung geblieben sind. „Gerade als Gutachter bin ich oft in die Orte gefahren, in denen die Täter gewohnt ha- ben, habe viele Stunden mit ihnen im Gespräch verbracht. Es geht immer darum, sich auf den Einzelfall einzustellen, um zu einem möglichst umfassenden psychopathologi- schen Befund zu kommen.“

Umso wichtiger sei es, die Arbeit nicht mit nachhause zu nehmen. Dafür müsse man seine eigenen Techniken entwickeln, um abschalten zu können, sagt Luckhaus. Er selbst findet die Ablenkung vom Berufsalltag durch Freunde und Freizeitaktivitäten in der Natur. Oder durch Hobbys – wie zum Beispiel Fotografie.



Michaela Neubauer

erschienen in WIR INTERN 05/2019