KULTURSENSIBLE PFLEGE

Verständnis schaffen

Der Arbeitskreis „Kultursensible Pflege“ im Uniklinikum Krems stellt Informationen bereit, um das Pflegen von Menschen aus anderen Kulturen zu erleichtern.

Der Arbeitskreis „Kultursensible Pflege“: (v.l.) DGKP Barbara Strobl, STL Silvia Bockhorn, DGKP Andrea Obkircher, DGKP Elisabeth Huber, DGKP Angela

Wagner, Hygienefachkraft Leopold Karner, PA Maria Cracium, STL Helene Winkler und STL Gabriele Pachschwöll (nicht am Bild: STL Jaqueline Irsigler, STL Anita Schreiber, DGKP Tamara Auer, DGKP Ilona Schönauer, DSA Andrea Haider, PA Daniel Iova)

Menschen in Kliniken – Patientinnen, Patienten wie Angehörige – befinden sich meist in einer Ausnahmesituation, ein Unfall oder eine Erkrankung stellt das Leben der ganzen Familie auf den Kopf. Besonders schwer kann es in der Situation wer- den, wenn Patienten und Angehörige aus anderen Kulturen betroffen sind, die außerdem unserer Sprache nicht mächtig sind. Da gilt es, erfinderisch zu werden, um den betroffenen Menschen die Information, die für Therapie und Pflege not- wendig ist, zukommen zu lassen. Dieses Thema wurde im Universitätsklinikum Krems in einer Klausur der Stationsleiterin- nen 2015 aufgegriffen und schließlich als Arbeitskreis von den Stationsleiterinnen Gabriele Pachschwöll und Silvia Bock- horn implementiert.

Mittlerweile sind durch diesen Arbeitskreis auf allen Stationen des Hauses Multiplikatorinnen eingesetzt – Pflegekräfte, die sich den Maßnahmen zur kultursensiblen Pflege verschreiben. Speziell in Grenzsituationen, die meist eine schwere Krank- heit für Patient und Angehörige bedeuten, entspricht es dem ethischen Verständnis, den Bedürfnissen der Menschen ent- gegenzukommen. So gibt es in allen Kulturen eigene Sterberituale oder auch ein Schmerzverständnis und Rollenverhalten, das sich von unserem jeweils merklich unterscheidet. Auch der Krankenbesuch gestaltet sich in allen Kulturen anders. Ein Nichtwissen schafft neben Missverständnissen auch Spannungen, die sich weder auf Patient, Angehörige noch auf Mitar- beiter positiv auswirken.


Alltagsrelevante Themen

Im Arbeitskreis engagieren sich Pflegekräfte aus Abteilungen, die besonders betroffen sind von den Unterschieden in Kul- turen und Religionen: aus der Palliativ- und der Intensivstation, der Gynäkologie, der Chirurgie, den Ambulanzen und der Notaufnahme.


Wichtigste Erkenntnisse und Veränderungen:

nUm die sprachlichen Barrieren zu senken, gibt es mittlerweile drei Videodolmetsch-Geräte samt Lizenzen für das Haus. 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die beim Übersetzen helfen, stehen auf einer speziellen Liste. Diese können im Be- darfsfall zur Übersetzungshilfe herangezogen werden. Klar definiert ist, ob und wie weit sie bei Aufklärungsgesprächen in Wort und Schrift übersetzen können. Denn bei der Sprachbarriere geht es oft um rechtliche Fragen und auch Fragen zur Haftung.

-Es liegen mehrsprachige Aufklärungsbögen zur Verwendung auf.

-Für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden Schulungen zur Thematik kultursensible Pflege angeboten und gerne ange- nommen.

-Die Arbeit mit mehrsprachigen Schildern und Piktogrammen ist bereits in allen Bereichen Standard und erleichtert die Kommunikation.

-Als praktisches Beispiel lässt sich anführen, dass muslimische Patientinnen bei der OP-Vorbereitung ihr Kopftuch durch eine OP-Haube ersetzt bekommen. Dies geschieht bereits präoperativ auf der Station, um sicherzustellen, dass keine Metallgegenstände im Haar der Patientin verbleiben, ihre religiösen Bedürfnisse dennoch gewahrt bleiben.

-In der Notaufnahme und der Unfall-Ambulanz wird das Triagesystem auf einem Schild in mehreren Sprachen verständ- lich gemacht.

-Bockhorn und Pachschwöll haben in einer eigenen Unterlage viel Wissen über unterschiedliche Rituale zusammengetra- gen, die in der Sterbe-Phase, in der Versorgung des Verstorbenen sowie bei der Bestattung  Relevanz haben. Diese Un- terlagen sind im Intranet abrufbar.


Der Arbeitskreis nimmt sich einen Tag pro Jahr Zeit zum Austauschen und stellt allen Interessierten praxisbezogene Unter- lagen zur Verfügung. „Uns geht es darum, Verständnis zu schaffen“, betont Gabriele Pachschwöll. „Wenn man über die re- ligiösen Traditionen etwas weiß, ist es leichter, Betroffene und Angehörige zu verstehen.“ Pachschwöll und Bockhorn sind sich einig: „Die Betroffenen sollen unser Wohlwollen spüren – das macht vieles leichter.“ Die Mitarbeiter des Arbeitskreises haben gute Erfahrungen gemacht: „Die Menschen schätzen es, dass wir ihnen im Rahmen des Möglichen Raum geben für ihre Traditionen – so wird gemeinsam vieles möglich.“ Der Lohn ist ein interkulturell gutes Miteinander im Universitätsklini- kum Krems.


Riki Ritter-Börner

Arbeitskreis „kultursensible Pflege“


Ziel: Wissenserweiterung schafft Verständnis und reduziert Eskalationen.

-Rechtliche Klärungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bezüglich Vorgehen bei Aufklärung bzw. Klärung von Haftungsfrage- n

-Erstellen von Verhaltensregeln für Patienten, Angehörige und Besucher für den stationären und ambulanten Bereich

-Ankauf von Lizenzen für drei Videodolmetsch-Geräte

-„Kultursensible Pflege“ in den Pflegezielen ab 2016 abgebilde- t

-Fortbildungs-Angebote für Pflegepersonen hausintern, bei Arbeitskreisen und dem Basiskurs Palliative Car- e

-Vermittlung von Wissen zu Sterberitualen für Christentum (katholisch, evangelisch, orthodox), Kirche der Siebententags-Adventis- ten, Islam, Menschen ohne Glaubensbekenntnis, Zeugen Jehovas, Judentum, Buddhismus – im Intranet abrufba- r

-Erfassung der Fremdsprachenkenntnisse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeite- r

-Angebot an Symboltafeln und Piktogrammen

erschienen in WIR INTERN 04/2018