UNSER WEG - IM DIALOG

Sicher

vernetzt

Am 10. Jänner 2017 startet die Nutzung der elektronischen Gesundheitsakte ELGA in den niederösterreichischen Kliniken.

Man sitzt beim Arzt und hat die Befunde aus dem Vorjahr vergessen, obwohl die hilfreich gewesen wären. Oder die betagte Großmutter – sie wird gefragt, welche Tabletten sie einnimmt, kann aber nur vier von acht nennen. Und ältere chronisch Kranke tun sich oft schwer, einen Überblick über ihre Medikamente und Untersu- chungen zu behalten. Es gibt viele medizinische Gründe, die für die elektronische Gesundheitsakte ELGA sprechen: Relevante Gesundheitsdaten sind dort abrufbar oder sollen künftig abrufbar werden. Auf der anderen Seite gibt es Stimmen, die von Datenmissbrauch und vom „gläsernen Patienten“ sprechen. ELGA spaltet die Gemüter: Ist es Segen oder Fluch? G&L INTERN lud zu „Im Dialog“, um ein kontro- verses Thema zu diskutieren.


Vorreiter NÖBIS

In den NÖ Kliniken ist es schon lange Realität: Seit Jahren werden verschiedene Be- funde in einem internen Netzwerk, dem elektronischen NÖ Befund-Informations- system NÖBIS gespeichert. Vorreiter dieser Entwicklung war das Landesklinikum Wiener Neustadt. Gemeinsam mit der Zentrale der NÖ Landeskliniken-Holding entstand dort der Kern dessen, was mittlerweile im ganzen Land bestens funktio- niert: Erst gab es die Befund-Plattform nur für das Landesklinikum, dann für die Thermenregion und nun für alle NÖ Kliniken. „Bei NÖBIS ist das Korsett nicht so eng wie bei ELGA“, sagt Ing. Mag. Jochen Pohn, Leiter der Abteilung Informations- und Kommunikationstechnologie, „in NÖBIS sind auch OP-Berichte, histologische oder pathologische Befunde und Röntgenbilder gespeichert.“ Im Gegensatz zu ELGA, wo aktuell Entlassungsbriefe, Laborbefunde, Radiologiebefunde und Medi- kationsdaten abrufbar sind. Pohn nennt konkrete Zahlen: „Heute sind in NÖBIS bereits über 21 Millionen Befunde von 1,8 Millionen Patientinnen und Patienten gespeichert. Etwa 21.000 Mal pro Monat greifen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte auf diese Befunde zu.“

Vieles hat sich dadurch vereinfacht: Musste früher ein Patient, der in einem Klini- kum aufgenommen und in einem anderen weiterbehandelt wurde, die großen Umschläge mit Röntgenbildern mitschleppen, sind Bilder und Befunde  heute in NÖBIS jederzeit am Bildschirm abrufbar.

Dr. Markus Klamminger, der stellvertretende Medizinische Geschäftsführer und Leiter der Abteilung Medizinische Betriebsunterstützung, erinnert sich an seine ak- tive Zeit als Arzt zurück: „Wir mussten teilweise die Krankengeschichte eines Pati- enten telefonisch in einem anderen Klinikum erfragen. Wenn man Patientenbe- funde von einer früheren Behandlung in einem anderen Klinikum gebraucht hat, musste man sie anfordern, sie wurden dort ausgehoben und ins Klinikum trans- portiert. Heute reicht ein Mausklick. NÖBIS, aber auch ELGA, bietet viele Vorteile.“ Der Nutzen für Patientinnen und Patienten ist somit klar: Radiologische Befunde aus Horn kann man im Wiener AKH einsehen, der Laborbefund aus dem Wilhelmi- nenspital liegt auch der Ärztin im Universitätsklinikum St. Pölten vor, wenn sie Da- ten daraus braucht.

Landesrat Mag. Karl Wilfing erinnert sich an einige Spitalbesuche, zu denen er Be- funde mitbringen musste: „Das ist zum Glück nicht mehr notwendig, es geschieht alles elektronisch. Ein riesengroßer Fortschritt.“ Auch die Apotheken sollen, sobald sie technisch in der Lage sind, die Medikation der Patienten in ELGA eintragen, da- mit kann man Wechselwirkungen besser einschätzen. ELGA sieht Wilfing als logi- sche Entwicklung. Und: „Jede Veränderung erzeugt kurzfristig Irritation, aber es wird sich rasch einspielen“, meint er. Wilfing hat die Entwicklung von ELGA unter- stützt, „denn sie ist zum Wohle der Patienten, da alles klar dokumentiert ist. Damit werden Verwechslungen und Falschinformationen hintangehalten. NÖBIS hat sich bestens bewährt, niemand würde es mehr rückgängig machen wollen. Es bedeutet eine Vereinfachung für die Patienten, die Zeit der Zettelwirtschaft ist vorbei.“

Einer, der sich immer für ELGA stark gemacht hat, ist Dr. Gerald Bachinger. Als NÖ Patienten- und Pflegeanwalt stelle er immer die Frage nach dem Nutzen für die Pa- tienten in den Mittelpunkt, sagt er: „Die Patienten wollen eine optimale Behand- lung, und dafür ist es gut, wenn die Ärzte wissen, was schon geschehen ist, weil sie in frühere Befunde oder Arztbriefe schauen können. Man braucht ärztliche Fach- qualität und raschen Infoaustausch über die verschiedenen Schnittstellen.“ Aus seiner jahrelangen Erfahrung weiß er, dass ärztliche Behandlungsfehler teilweise passieren, weil relevante Infos nicht zeitgerecht am richtigen Ort sind. ELGA ist also ein Beitrag für Patientensicherheit und Qualität. Seit 2002 befasst er sich mit ELGA, war bei der Machbarkeitsstudie dabei und in „gefühlten tausend Arbeits- gruppen“. Dass ELGA von einigen niedergelassenen Ärzten boykottiert wird, kann er nicht nachvollziehen: „Manche Ärzte beklagen, dass sie zu wenig Mitsprache- recht hatten, dabei waren sie von Anfang an eingebunden.“ Bachinger mutmaßt, dass es bei der Kritik mehr um Standespolitik als um fachliche Notwendigkeit geht.


Vernetzungssystem

Genau genommen ist ELGA ein Vernetzungssystem: Es bietet Ärzten und Kliniken Zugang zu Dateien, die gespeichert werden, etwa zum Allergietest im Labor, zum Röntgenbefund oder zum Entlassungsbrief aus dem Krankenhaus. ELGA ist die Verbindung, die zwischen diesen Daten gelegt wird, die verschlüsselt ist und bei der Patienten online einsehen können, was über sie abrufbar ist. Trotz aller Sicher- heitsmaßnahmen und gesetzlich vorgeschriebener Transparenz wird ELGA ange- feindet. Einer der Kritikpunkte ist der Datenschutz. Können Daten missbräuchlich verwendet werden? Mag. Erika Meinolf, Leiterin der Abteilung Recht und Personal, sagt: „Der Datenschutz ist sehr umfangreich sichergestellt. Datenschutzrechtliche Bestimmungen und bestehende Regelungen wie etwa die Patientencharta gelten uneingeschränkt weiter.“ Sie erinnert an die Anfänge von ELGA: „Man hat lange über eine Opt-in- bzw. Opt-out-Konstruktion diskutiert: Da man von den Vorteilen von ELGA in Hinblick einer optimalen Patientenversorgung überzeugt war, hat man sich für das Opt-out (jederzeitige Möglichkeit sich von ELGA abzumelden, Anm.) entschieden.“ Das Selbstbestimmungsrecht bleibt gewahrt, betont sie: „Ne- ben zahlreichen Informationen für die Betroffenen gibt es für die ELGA-Teilneh- menden selbst die Möglichkeit des situativen Opt-outs, das heißt, gewisse Befunde zu sperren oder manche Ärzte vom Zugriff auszunehmen. Außerdem: Jeder Zugriff wird protokolliert. Das Protokollierungssystem ermöglicht eine lückenlose Nach- vollziehbarkeit der Verwendungsvorgänge in ELGA und stellt eine der vielen ange- messenen Datenschutzgarantien bei ELGA dar. Bei Zuwiderhandeln drohen Stra- fen. Die Rechte der Patienten und die Grundsätze der Datensicherheit sind umfas- send gewährleistet.“

Für Patientenanwalt Bachinger ist ein weiterer wesentlicher Punkt: Herr und Frau Österreich werden nun zu Herren und Frauen ihrer Gesundheitsdaten: „Wissen ist Macht. Diese Macht geht nun an die Patienten. Das mag vielleicht auch ein Grund sein, warum ELGA oft angefeindet wird. Man hat nun Zugriff auf seine Gesund- heitsdaten, kann sich einloggen und jederzeit nachschauen.“ Da nicht alle Men- schen über einen elektronischen Zugang verfügen und weil es natürlich auch Pro- bleme geben kann, wird ab Jänner in der NÖ Patienten- und Pflegeanwaltschaft eine eigene Ombudsstelle eingerichtet.


Was ändert sich?

In den NÖ Kliniken laufen bereits seit langem intensive Vorbereitungen für ELGA. Schritt für Schritt wurden NÖBIS und ELGA gekoppelt. Nun sind die technischen Notwendigkeiten erledigt, derzeit stehen die letzten der umfangreichen  Funkti- ons- und Sicherheitstests an. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind einge- schult, alle Vorbereitungen für die Arbeit am Computer erledigt, alle Dokumente auf die Anforderungen von ELGA umgestellt. IKT-Leiter Jochen Pohn und sein Team sind gefordert, im Jänner 2017 startet ELGA in den NÖ Kliniken. „Wir sprin- gen nicht ins eiskalte Wasser, sondern nur ins lauwarme“, sagt er besonnen, „denn wir sind sehr gut vorbereitet.“ Was ändert sich für die Mitarbeiterinnen und Mitar- beiter? „Für die Ärztinnen und Ärzte ändern sich keine konkreten Arbeitsschritte. Technologisch ist es das gleiche Befundauskunftssystem wie bei NÖBIS. Was neu ist: Für Entlassungsbriefe, Radiologie- und Laborbefunde gibt es nun einheitliche Strukturen, die eingehalten werden müssen. Und alle Entlassungsbriefe werden elektronisch validiert. Das ist der Tribut an die technologische Zeit“, sagt Mag. (FH) Thomas Pökl, Leiter der Abteilung Medizinische und Pflegerische Standards und Prozesse. Der Mediziner Klamminger meint dazu: „Von manchen liebgewonnenen Angewohnheiten muss man sich verabschieden, manches muss standardisiert wer- den. Jeder Abteilungsleiter hat seinen Entlassungsbrief anders aufgebaut, nun gibt es einheitliche Vorgaben. Ich glaube, in fünf Jahren wird keiner mehr drüber re- den.“


Fazit?

Wie lautet das Fazit? Patientenanwalt Bachinger sagt: „ELGA ist nicht die eierlegen- de Wollmilchsau. Aber eine integrierte Versorgung funktioniert ohne flüssigen In- foaustausch und ohne ein Werkzeug wie ELGA nicht. Auch das Thema Primärver- sorgungszentren ist ohne ELGA undenkbar. Die Infos müssen zusammenfließen.“

Für Erika Meinolf ist wesentlich: „Nicht der Patient, sondern die Daten sollen lau- fen. ELGA soll daher zur besseren und schnelleren Verfügbarkeit medizinischer In- formationen beitragen.“

Landesrat Wilfing ist überzeugt: „ELGA ist ein weiterer Schritt, um die Qualität der Patientenversorgung zu heben. Es gibt kein anderes medizinisches Projekt, das so lang diskutiert und so gut vorbereitet wurde. Endlich startet es.“

Landeshauptmann-Stellvertreterin und NÖGUS-Chefin Johanna Mikl-Leitner: „Wir haben eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, in das wir jährlich zwei Milliarden Euro investieren. Die Ausgaben für die Gesundheitsversorgung werden nicht weniger, doch hier sind sie gut investiert. Und der Patient bestimmt selber, was er freigibt: Datenschutz und Patientenschutz sind kombiniert.“

Und was meinen die Patientinnen und Patienten? In Wien und der Steiermark, wo ELGA seit einem Jahr läuft, zeigt sich, dass Patienten kaum von der Möglichkeit Ge- brauch machen, den Zugriff auf Befunde in ELGA nicht zu erlauben: Nur 0,5 bis 0,7 Prozent nutzen die Option des „Situativen Opt-out“, um zu verhindern, dass Be- funde in ELGA aufscheinen. Nur insgesamt drei Prozent haben sich von ELGA ab- gemeldet. Damit zeigt sich, was auch eine Umfrage 2014 bestätigt: Die Patienten wollen ELGA – weil die Vorteile überwiegen.

Mag. Bernhard Jany, Leiter der Abteilung Un- ternehmenskommunika- tion, moderierte

„Im Dialog“.


„Behandlungsqualität und Patientensicher- heit stehen im Vorder- grund.“ Landeshaupt- mann-Stellvertreterin Mag. Johanna

Mikl-Leitner

„Das Zeitalter der Zet- telwirtschaft ist vorbei.“

Landesrat

Mag. Karl Wilfing

„Von manchen liebge- wonnenen Angewohn- heiten muss man sich verabschieden, manches muss standardisiert

werden.“

Dr. Markus Klamminger, stv. Medizinischer

Geschäftsführer und

Leiter der Abteilung

Medizinische

Betriebsunterstützung

NÖ Patienten- und

Pflegeanwalt

Dr. Gerald Bachinger macht sich seit Jahren für ELGA stark.

Ing. Mag. Jochen Pohn, Leiter der Abteilung

Informations- und Kom- munikationstechnologie, und sein Team sind be- reit für den Start von ELGA.


„Es gibt nun einheitliche Strukturen, die eingehalten werden müssen.“ Mag. (FH) Thomas Pökl, Leiter der Ab- teilung Medizinische und Pflegerische Standards und Prozesse

„Der Patient hat die volle Verfügungsgewalt über seine Daten – das Selbst- bestimmungsrecht bleibt somit gewahrt.“ Mag. Eri- ka Meinolf, Leiterin der Abteilung Recht und

Personal

Was ist in ELGA

gespeichert?


Die ersten über ELGA

verfügbar gemachten

Daten sind:

• ärztliche und pflegerische Entlassungsbriefe

der öffentlichen

Krankenhäuser

• Laborbefunde

• Radiologiebefunde

• Medikationsdaten


Weiters sind geplant:

• Patientenverfügungen

• Vorsorgevollmachten

• gesetzliche

medizinische Register















Ombudsstelle in der NÖ

Patienten- und

Pflegeanwaltschaft

Tel.: 02742/9005-15575,

post.ppa@noel.gv.at,

www.patientenanwalt.com



ELGA-Serviceline:

050 124 4411

TEURE ELGA?


ELGA-Gegner kritisieren die hohen Kosten, die ELGA verur- sacht. Geht die Kosten-Nutzung-Rechnung auf? „Behand- lungsqualität und Patientensicherheit stehen im Vorder- grund“, sagt Landeshauptmann-Stellvertreterin Mag. Johan- na Mikl-Leitner. „Daher muss man sich der neuesten Tech- nologie bedienen. Es werden auch ständig neue und wirkvol- lere Medikamente entwickelt; und genauso wie bei der Me- dikation soll es auch in der Dokumentation sein. Finanzielle Mehrkosten stehen dabei nicht im Mittelpunkt. Aber Fakt ist, man erspart sich durch ELGA Doppelbefundungen – es

bedeutet also eine Win-win-Situation für alle.“ Sie hat Ver- ständnis für anfängliche Skepsis: „Dass alles, was neu ist,

zuerst einmal eine Irritation bedeutet, ist normal.“


ELGA-MITARBEITERSTATUS


Wenn Sie als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter selbst Patientin oder Patient in einem NÖ Klinikum sind und gewisse Gesund- heitsdaten sperren wollen, gilt für Sie dasselbe Prozedere wie für alle Patientinnen und Patienten: Bei der Aufnahme werden Sie befragt, ob die ELGA-relevanten Dokumente dieses konkre- ten Aufenthalts/Behandlungsfalls (ambulant oder stationär) für ELGA bereitgestellt werden sollen. Dies betrifft die Labor- und Radiologiebefunde sowie den stationären Entlassungs- brief. Sie haben die Möglichkeit zum situativen Opt-out: Hier gilt das Alles-oder-nichts-Prinzip ab dem Zeitpunkt Ihrer Ent- scheidung, es werden somit alle oben beschriebenen Doku- mente der ELGA-Plattform zur Verfügung gestellt oder nicht.

Woher weiß man, wer Mitarbeiterin oder Mitarbeiter ist und wer nicht? Beim Stecken der E-Card im Zuge der Aufnahme werden zahlreiche Informationen eingelesen. Die Dienstge- ber-Informationen der E-Card sind oftmals nicht aktuell oder ausreichend, um den Mitarbeiterstatus mit Sicherheit festzu- stellen. Weisen Sie also auf Ihren Mitarbeiterstatus hin, sollten Sie nicht wegen ELGA befragt werden. Ihre Rechte sind uns wichtig.