UNSER WEG - IM DIALOG

(v.l.) DI Julia Lechner (leitende Medizinphysikerin Uniklinikum Krems), Dr. Markus Klamminger (stv. Medizinischer Geschäftsführer und Leiter der Abteilung

Medizinische Betriebsunterstützung), Prim. Dr. Martina Metz (Leiterin des Instituts für Radioonkologie und Strahlentherapie im LK Wiener Neustadt),

Landesrat Mag. Karl Wilfing, Dr. Gerald Bachinger (NÖ Patienten- und Pflegeanwalt) und Dr. Thomas Gamsjäger, MSc (Landes-Zielsteuerungskoordinator, NÖGUS)

Strahlentherapie:

Lange Wartezeit?

Mit sechs Bestrahlungsgeräten erfüllt Niederösterreich die Vorgaben des Bundes. Dennoch ist in den Medien von einem Versorgungsdefizit die Rede. Müssen Krebspatienten tatsächlich zu lange auf ihre Behandlung warten?

Im Dialog:

Expertinnen und

Experten zum Thema Strahlentherapie. Wie ist der Status quo? Wie sind die Abläufe? Gibt es Opti- mierungspotential?



























































Ein gemeinsames

Vorgehen ist nötig, um Ressourcen zu

optimieren.

















































































Strahlentherapie


Im Kampf gegen Krebs spielt Strahlentherapie eine große Rolle. Derzeit sind drei Linearbeschleu- niger im Universitätsklini- kum Krems und drei im Landesklinikum Wiener Neustadt positioniert. Die- se sechs Geräte sind im Großgeräteplan des Bun- des als Zielvorgabe für das Land Niederösterreich festgesetzt. Im Jahr 2016 wurden in den niederös- terreichischen Kliniken 2.600 Menschen stationär bestrahlt.

Ausschlaggebend für die Diskussion rund um die Strahlentherapie ist, dass der Wiener Stadt- rechnungshof die dortigen Wartezeiten auf eine Therapie stark kritisierte. Das könne den Therapieerfolg beeinträchtigen, Heilungschancen verschlechtern und die Patienten psy- chisch enorm belasten. Niederösterreich hätte Mitschuld an der schlechten Versorgungslage, da es hier zu wenige Bestrahlungsgeräte gebe. Gemeinsam mit dem Burgenland und Wien ist Niederösterreich nämlich zu einer Versorgungszone zusammengefasst, der sogenannten Ost-Region. Wie viele Bestrahlungsgeräte notwendig sind, regelt der Österreichische Struk- turplan Gesundheit (ÖSG), festgeschrieben im Großgeräteplan des Bundes – für Niederöster- reich sieht er sechs vor. Drei stehen im Universitätsklinikum Krems und drei im Landesklini- kum Wiener Neustadt. Die Vorgaben des Bundes sind erfüllt. „Aus Sicht des Betriebsführers ist der Großgeräteplan des Bundes bindend – er ist mehr oder weniger Gesetz. So lange der Großgeräteplan nicht geändert wird, ist es uns nicht möglich, zusätzliche Geräte aufzustel- len“, sagt Dr. Markus Klamminger, stv. Medizinischer Geschäftsführer und Leiter der Abtei- lung Medizinische Betriebsunterstützung.

Die Vorgaben des Bundes seien zwar erfüllt, NÖ Patientenanwalt Dr. Gerald Bachinger sieht jedoch Defizite bei den Wartezeiten. Sein Hauptfokus liegt am Patienten: „Jemand bekommt die Diagnose Krebs. Ein Schock. Dann kommt noch etwas Belastendes, nämlich der Hinweis, dass es zwar eine hervorragende Therapie gibt, aber er ein paar Wochen darauf warten muss. Wie soll man das dem Patienten erklären, zumal wir eines der besten Gesundheitssysteme Europas haben?“ Die jetzige Debatte rund um die Aufstockung der Strahlentherapie kommt für Bachinger nicht überraschend. Bereits 2015 gaben die Patientenanwälte eine Studie bei der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) in Auftrag mit dem Ergebnis, dass in der Ost-Region zusätzliche Geräte benötigt würden. Wien hat angekündigt, nun aufstocken zu wollen. Zwei neue sollen bis Ende 2017 dazukommen, insgesamt gibt es dann 13 in der Bundeshauptstadt. Eine Berechnung anhand der Richtwerte des ÖSG habe für den Bevölkerungsstand von Wien eine Anzahl von 13 bis 18 strahlentherapeutischen Großgeräten ergeben.

Bachinger sieht den Ball momentan beim Bund, nicht bei den Ländern: „Der Großgeräteplan muss überarbeitet werden. Ich wünsche mir, dass Niederösterreich genauso wie Wien auf- stockt. Ich spreche mich aber nicht dafür aus, dass jedes Land eine Vollversorgung braucht. Das Denken in Versorgungsregionen ist zeitgemäß und notwendig.“


Mehr Kapazitäten

„Krebspatienten werden vernachlässigt“, „System wird kaputt gespart“ lauten einige Schlag- zeilen und Vorwürfe der letzten Wochen. Was sagt der für die niederösterreichischen Klini- ken zuständige Politiker dazu? Landesrat Mag. Karl Wilfing sieht die Wahrheit in der Mitte: „Polemisch gesagt führen wir diese Diskussion, weil wir in Österreich ein derart gutes Ge- sundheitssystem haben. Kein Patient besucht aus Gesundheitsüberlegungen ein Nachbar- land, eher umgekehrt. Das ist ein Beweis des starken Vertrauens.“ Und das völlig zurecht, be- tont er, „wir sind technisch und medizinisch hervorragend aufgestellt. Aber die demografi- sche Entwicklung zeigt uns, dass wir mehr Geräte zur Strahlentherapie brauchen werden. Fakt ist: Die Menschen werden immer älter, viele Krebsarten tauchen vermehrt in späteren Lebensjahren auf.“ Gemeinsam mit der designierten Landeshauptfrau Mag. Johanna Mikl- Leitner hat Willfing das Gesundheitsministerium aufgefordert, den Großgeräteplan zu über- arbeiten. Um Ressourcen zu haben, um der wachsenden und alternden Bevölkerungszahl gerecht zu werden. Doch schon jetzt reagiert man seitens des Landes: Ältere Bestrahlungsge- räte in Krems werden ausgetauscht – eines bereits 2017. Nicht zuletzt durch die schnellere Arbeitsweise des neuen Gerätes sollen so künftig mehr Kapazitäten geschaffen werden.

In den letzten Wochen fanden mehrere Gespräche zwischen den Vertretern Niederöster- reichs und der Stadt Wien statt, zuletzt auch unter unmittelbarer Einbindung der Strahlen- therapie-Experten beider Bundesländer, berichtet Dr. Thomas Gamsjäger, MSc. Als Landes- Zielsteuerungskoordinator im NÖ Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS) ist er unter ande- rem zuständig für die strategische Planung im Bereich Medizin und Qualität: „Wir haben die Diskussion wieder auf die richtige Ebene gebracht: Es geht um die beste Versorgung der Pati- enten. Dazu ist ein gemeinsames Vorgehen nötig, um Ressourcen zu optimieren. Maßnah- men müssen getroffen werden, um die Kapazität zu erhöhen.“ Denn den Patienten sei es ei- nerlei, wie ihre Behandlung in Österreich finanziert werde, sie haben Anspruch auf die opti- male Versorgung. „Wir sind dazu da, dass die medizinische Versorgung bei jenen ankommt, die sie brauchen“, sagt er.


Blick in die Praxis

Prim. Dr. Martina Metz, Leiterin des Instituts für Radioonkologie und Strahlentherapie im LK Wiener Neustadt, wirft einen Blick in die Praxis: „Gerätemäßig sind wir mit drei Geräten der neuesten Generation sehr gut aufgestellt. Wir behandeln im Schnitt 150 Patienten täglich.“ Akutfälle werden innerhalb von einigen Tagen behandelt, Routinefälle im Schnitt zwischen zehn und vierzehn Tagen. Ein Versorgungsdefizit und unzumutbare Wartezeiten sieht sie derzeit nicht. „Aber durch die alternde Gesellschaft sind Zuwächse zu erwarten, darauf müs- sen wir uns vorbereiten“, gibt sie zu bedenken. Die optimale Behandlung wird im Tumor- board gemeinsam mit Experten aus anderen Fachdisziplinen besprochen, sagt Metz: „Das Wissen in der Onkologie vermehrt sich so rasant, eine Disziplin allein kann das nicht abde- cken. Der interdisziplinäre Diskurs ist enorm wichtig. Oft wird heftig diskutiert, welche The- rapie die optimale ist.“ Betroffene und deren Angehörige sind in solchen Situationen psy- chisch stark belastet. Besonders wichtig ist, dass sie genau über die Therapie Bescheid wis- sen, sagt die erfahrene Ärztin: „Die Strahlentherapie dauert bis zu siebeneinhalb Wochen. Der Patient muss mit im Boot sein, darf sich nicht entmündigt fühlen.“ Mit MedAustron in Wiener Neustadt wurden zusätzliche Kapazitäten aufgebaut und ein österreichweit einzigar- tiges Krebsbehandlungs- und Forschungszentrum errichtet. Die dort angebotene Parti- keltherapie kommt nur für spezielle Indikationen in Frage und wird die konventionelle Strahlentherapie nicht entlasten, sagt Landesrat Wilfing: „MedAustron ist eine große Chance für einige Patienten. Die NÖ Kliniken arbeiten eng mit MedAustron zusammen. Allerdings darf man die konventionelle Strahlentherapie nicht aus den Augen verlieren.“


Abläufe überarbeiten

Primaria Metz stimmt mit Patientenanwalt Bachinger überein, dass es notwendig sei, das Management der oft langwierigen Krebserkrankungen unter die Lupe zu nehmen. Denn lan- ge Wartezeiten schon bei der Diagnose führen zu einem verzögerten Therapiebeginn. Auch an der Optimierung der Ressourcen wird ständig gearbeitet: Dienstabläufe etc. werden stetig verbessert, um die Wartezeiten zu reduzieren. Der Aufbau neuer Linearbeschleuniger-Anla- gen und die Ausbildung des notwendigen Personals benötigt jedenfalls einige Zeit. Denn das Bedienen der Geräte ist komplex, weiß DI Julia Lechner, leitende Medizinphysikerin im Uni- versitätsklinikum Krems. Ein wichtiger Punkt ihrer täglichen Arbeit ist die Qualitätssiche- rung: „Wir arbeiten mit hochtechnisierten, präzisen Bestrahlungsgeräten, die einer gewis- senhaften Qualitätskontrolle bedürfen. Daher werden die Beschleuniger jeden Tag kontrol- liert und jeder Patientenplan vor der ersten Bestrahlung überprüft. Diese Konstanzprüfung ist gesetzlich vorgeschrieben. Sie ist sehr zeitaufwändig, aber notwendig und stellt sicher, dass die Qualität stimmt.“ Jedes Gerät darf nur bis zu einer maximalen vorgeschriebenen wö- chentlichen Strahlendosis betrieben werden. Daher könne man die Geräte bei Bedarf auch nicht 24 Stunden durchlaufen lassen, erklärt sie. Zudem muss jedes Gerät viermal im Jahr ge- wartet werden. Eine komplexe Technik wie diese bedarf einer sorgfältigen und gründlichen Handhabung.

Die Geräte sind die eine Sache. Das Personal die andere. Auch von einem Personalmangel war in letzter Zeit in den Medien zu lesen. Es gilt drei große Gruppen zu betrachten, sagt Markus Klamminger: „Erstens die Ärztinnen und Ärzte. Österreichweit gibt es ein gewisses Problem, Strahlentherapeuten zu gewinnen. Wir werden die notwendigen Ärzte selbst aus- bilden müssen. Zweitens die Medizinphysiker und drittens die Radiologietechnologen – bei diesen beiden Gruppen gibt es derzeit kein Personalproblem.“ Klamminger bedauert, dass die Radioonkologie und Strahlentherapie kein allzu bekanntes Fach sei. Obwohl es ein at- traktiver und anspruchsvoller Beruf sei – zwar technisch ausgerichtet, aber mit einem hohen Anspruch an klinischem Verständnis und menschlichem Umgang.


Wohin geht die Reise?

Was ist das Fazit der „Im Dialog“-Gesprächsrunde? Thomas Gamsjäger betont, dass man die- se Fragestellung gemeinsam lösen müsse: „Nicht isoliert an der Bundeslandgrenze. Wir müs- sen zusammenwirken.“

Markus Klamminger rechnet damit, dass es im Großgeräteplan des Bundes zu einer Erhö- hung kommt: „Derzeit untersuchen wir alle Varianten, auch bestehende Geräte besser aus- zulasten.“

Primaria Metz beleuchtet es aus Sicht der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: „Die Ressource Arbeitskraft muss entsprechend gestützt werden. Ich freue mich, dass wir Gehör finden.“

Medizinphysikerin Lechner freut sich auf das neue Gerät in Krems und hofft dadurch auf mehr Kapazitäten.

Gerald Bachinger sieht die Gesprächsrunde als positives Signal und lobt die Gesprächskultur, dass man Defizite offen ansprechen kann: „Das Bemühen ist da, um Probleme zum Wohle der Patientinnen und Patienten zu lösen.“

Und Landesrat Wilfing resümiert: „Es ist die Aufgabe der Politik, offen in die nächsten Zeiten zu blicken und passende Angebote zur Verfügung zu stellen. Die Ausgaben für die Gesund- heitsversorgung werden immer höher. Aber dem müssen wir gerecht werden, wenn wir eines der besten Gesundheitssystem haben wollen.“