SICHERHEIT

Hygienisch

Kampf gegen Keime: Die Hygieneteams in den Kliniken versuchen,

Infektionen zu verhindern.

foto: istockphoto/ Kzenon

Prim. Assoc. Prof. Dr.

Christoph As- pöck, Leiter der Universitätskli- nik für

Hygiene und Mikrobiologie am UK St. Pöl- ten und

Vorsitzender ARGRU

Krankenhaus- hygiene NÖ

Wer als Patient in ein Krankenhaus geht, will in der Regel gesund werden. Dennoch ist es nicht immer vermeidbar, dass zur bereits vorhandenen Grunderkrankung eine Infektion dazukommt. Man spricht dann von nosokomialen, also im Zusammenhang mit dem Krankenhausaufenthalt erworbenen Infektionen. In Österreich erkranken rund fünf Prozent aller stationären Patientin- nen und Patienten an derartigen Infektionen. Bedingt durch Risikofaktoren wie etwa hohes Le- bensalter, chronische Grundkrankheiten (z. B. Asthma, Diabetes, COPD), Rauchen, Überge- wicht sind bis zu 70 Prozent der in der Klinik erworbenen Infektionen nicht vermeidbar. In der Regel sind es sogar vom Patienten selbst mitgebrachte Erreger (z. B. auf Haut und Schleim- häuten), die dann zu sogenannten „endogenen“ Infektionen führen. Von den restlichen 30 Pro- zent in der Klinik erworbenen, „exogenen“, von außen zugeführten Infektionen wären viele durch eine korrekte Händedesinfektion zu verhindern.

„Erkrankungen der unteren Atemwege (mit einem Anteil von ca. 23 Prozent), gefolgt von Harn- wegsinfektionen (ca. 22 Prozent) und postoperativen Wundinfektionen (ca. 15 Prozent) sowie einer Sepsis/Blutstrominfektion (ca. 6,6 Prozent) stehen dabei im Vordergrund“, weiß Prim. As- soc. Prof. Dr. Christoph Aspöck, Leiter der Universitätsklinik für Hygiene und Mikrobiologie am Uniklinikum St. Pölten und Vorsitzender ARGRU Krankenhaushygiene NÖ.


Hygieneteam

An jedem Klinikstandort gibt es – gesetzlich vorgeschrieben – ein Hygieneteam. Dieses Team besteht in der Regel aus einer diplomierten Pflegeperson mit Sonderausbildung zur akademi- schen Hygienefachkraft (HFK) und einer hygienebeauftragten Ärztin/einem Arzt (HBA). Die HFK macht dies meistens hauptberuflich, während der HBA je nach Bettenanzahl des Hauses ein gewisses Stundenkontingent dafür zur Verfügung hat bzw. diese Tätigkeit zusätzlich zu ih- rer ärztlichen Funktion ausübt. Das Hygieneteam ist als Stabsstelle direkt der Klinikleitung un- terstellt und hat primär eine beratende Funktion. Für die Umsetzung der von der NÖ Landeskli- niken-Holding bzw. der Klinikleitung freigegebenen Hygiene-Empfehlungen ist nicht das Hygie- neteam, sondern sind die Führungskräfte des medizinischen und pflegerischen Bereiches verantwortlich.

„Von der Geräteanschaffung bis zur Schädlingsbekämpfung – das Fach bietet eine große Bandbreite, sich einzubringen“, sagt DGKP Leopold Karner, Vorsitzender Arbeitsgruppe Kran- kenhaushygiene und Hygienefachkraft im Uniklinikum Krems: „Einige Kolleginnen und Kolle- gen fragen sich immer noch, was wir den ganzen Tag so machen. Diese Frage kann ich durch- aus verstehen, da wir aufgrund unserer geringen Anzahl und vielfältigen Tätigkeiten nicht je- den Tag jede Station besuchen können.“ Leopold Karner ist einer der längstdienenden Hygie- nefachkräfte in Niederösterreich, arbeitet seit mehr als 20 Jahren in diesem Bereich – und ist nach so vielen Jahren immer noch fasziniert von seiner Arbeit. Denn heute steht viel mehr der klinische Aspekt im Vordergrund, ergänzt er: „Wir sind mittlerweile ein serviceorientierter Dienstleister, der direkten Kontakt mit Patienten und Angehörigen hat, sind viel vor Ort und werden auch für Beratungen geholt.“


Resistenzen

Besonders gefährlich sind Infektionen mit Bakterien, die gegen Antibiotika resistent und damit schwer zu bekämpfen sind. Am wohl bekanntesten ist MRSA (Methicillin-resistenter Staphylo- coccus aureus), oft fälschlicherweise als Spitals- oder Krankenhauskeim bezeichnet. „Diese Bezeichnung ist irreführend, denn es gibt keine Erreger, die nur im Spital vorkommen“, weiß Aspöck: „Manche Patienten haben den Keim schon in sich, wenn sie im Klinikum aufgenom- men werden. Und ist das Immunsystem geschwächt, kann eine Infektion entstehen.“

MRSA tauchte vor Jahrzehnten das erste Mal auf und war lange gefürchtet, da bei Infektionen mit diesem Keim nur wenige Antibiotika zur Verfügung standen. Mittlerweile gibt MRSA nicht mehr Anlass zur Sorge, da es mehrere Mittel gegen ihn gibt.

Heute bereiten andere Bakterien Probleme, weil sie massive Resistenzen entwickelt haben. Prof. Aspöck nennt als Beispiel die Enterobakterien: „Bei Infektionen durch diese Gruppe ha- ben wir manchmal nur ganz wenige Optionen, umso mehr müssen wir die Ausbreitung eindäm- men. Von MRSA haben wir viel gelernt. Das hilft uns, damit umzugehen.“ Und dass Bakterien Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln, sei etwas Natürliches, denn Bakterien ändern ihr genetisches Muster laufend durch Mutation. So entstandene resistente Stämme werden aller- dings durch den Einsatz von gegen sie unwirksame Antibiotika selektiert.


Hände desinfizieren

Auch wenn es noch so viele hygienetechnische Neuerungen gibt – eine der wichtigsten Maßnah- men im Kampf gegen Keimübertragungen ist ebenso einfach wie effizient: die hygienische Hände- desinfektion. Als Faustregel gilt: Eine Hohlhand voll Desinfektionsmittel gründlich, über mindes- tens 30 Sekunden in den Händen verreiben. Leopold Karner wird nicht müde zu betonen: „Die korrekt durchgeführte Händedesinfektion ist das Um und Auf, sie ist und bleibt die einfachste, kos- tengünstigste und wirksamste Maßnahme, um Keimübertragungen zu reduzieren. De facto wird aber in der Praxis jede zweite erforderliche Händedesinfektion aus Gründen wie Zeitmangel, Wis- sensdefizit etc. nicht durchgeführt.“ Auch Schmuck sei immer wieder ein Thema, sagt er: „Schmuck an den Händen und Unterarmen wie Uhren, Ringe, Freundschaftsbänder, Piercings, Kunstnägel und Nagellack verhindern eine korrekte Händedesinfektion und sind daher verboten. Eigentlich wäre dieses Schmuckverbot aus hygienischer Sicht gar nicht erforderlich, da dies be- reits aus arbeitsmedizinischer Sicht – Unfall-Verhütung – nicht erlaubt ist.“ Das Händewaschen mit Wasser und Seife sollte im Klinikbereich in der Regel nur bei sichtbarer, spürbarer Verunreini- gung der Hände durchgeführt werden. In allen anderen Fällen (mit wenigen Ausnahmen) sollte die hygienische Händedesinfektion grundsätzlich bevorzugt werden.

Der erfahrene Hygiene-Experte appelliert an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sich bei hygie- nerelevanten Fragen ans Hygieneteam zu wenden: „Wir stehen gern mit unserer fachlichen Ex- pertise zur Verfügung.“


Karin Schrammel

DGKP Leopold Karner,

Hygienefach- kraft im

UK Krems und Vorsitzender ARGRU Krankenhaus-

hygiene NÖ

Aufgaben des Hygieneteams


Umsetzung aller notwendigen Maßnahmen, die dem Erkennen, Verhüten und Bekämpfen von Infektionen dienen:

-Erstellen von (evidenzbasierten) Hygiene-Empfehlungen

-Beratung beim Planen für Neu-, Zu- und Umbauten sowie bei der Anschaffung von Geräte n und Gütern, durch die eine Infektionsgefahr entstehen kann

-Erarbeiten von Hygieneplänen in Zusammenarbeit mit dem Personal der Abteilungen

-Überwachen von hygienetechnischen Kontrollen gemeinsam mit Haus- und Betriebstechnik

-Schulungen für die Bereiche Reinigung/Desinfektion, Küchenhygiene

-Durchführung von Hygienevisiten

-Beratung der Klinikleitung in hygienerelevanten Fragen

-Infektions-Erfassung postoperativer Wundinfektionen bei definierten Operationen

Arbeitsgruppe KrankenhausHygiene NÖ


Die Arbeitsgruppe (ARGRU) Krankenhaushygiene NÖ ist das verbindende Gremium aller Hygienefachkräfte, hygienebeauftragten Ärzte und Hygienefachärzte aus den NÖ Landes- und Universitätskliniken. 2002 ging die ARGRU aus den damals getrennten Arbeitskreisen für Hy- giene der Pflege und Ärzte hervor. Viermal jährlich treffen einander die Hygieneteams aller NÖ Klinikstandorte zu einem Arbeitstreffen. Die ARGRU bearbeitet hygienerelevante Themen und erstellt Hygiene-Empfehlungen (z. B. bezüglich Gefäßkatheter, Tuberkulose, OP). Vertreter der ARGRU werden auch in den Fachgruppen vor Produktentscheidungen miteinbezogen. Geleitet wird die ARGRU von Prim. Assoc. Prof. Dr. Christoph Aspöck, Leiter der Universitätsklinik für Hygiene und Mikrobiologie am UK St. Pölten, und DGKP Leopold Karner, Hygienefachkraft im UK Krems. Die Sanitätsdirektion NÖ ist mit wHR Dr. Robert Kellner als außerordentlichem Mit- glied vertreten.

Der Fachbeirat Hygiene setzt sich aus Vertretern der ARGRU und der Medizinischen Ge- schäftsführung zusammen und bearbeitet gemeinsam klinikübergreifende, holdingweite Hygie- ne-Themen.

erschienen in WIR INTERN 01/2019