UNSER WEG - M&M

„Bei M&M-Konferenzen geht es uns nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, gemeinsam etwas für die Zukunft zu lernen und Lösungen zu finden, die die Qualität unserer Arbeit steigern.“ Prim. Assoc. Prof Dr. Heinz Jünger leitet die Klinische Abteilung für Hals-, Nasen-, Ohren- krankheiten und ist Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Krems. Dr. Evamaria Brodner, MBA, ist Allgemeinmedizinerin in der Abteilung für Unfallchirurgie im UK Krems und Assistentin des Ärztlichen Direktors.

Lösungssuche

statt Schuldzuweisung

Die gemeinsame Reflektion besonderer Fälle in sogenannten M&M-Konferenzen ist ein Instrument zum Sichern und Erhöhen der Behandlungsqualität.

Einmal pro Quartal schart der Ärztliche Direktor des Uniklinikums Krems und HNO-Primar As- soc. Prof Dr. Heinz Jünger, interdisziplinäre und immer wieder auch interprofessionelle Teams von 20 bis 25 Menschen um sich, um bestimmte Fälle zu besprechen. Das Format dafür heißt Morbiditäts- und Mortalitätskonferenz, kurz M&M, und dient dazu, für die Zukunft zu lernen. Von der Medizintechnik bis zu den Diätologen können neben Ärzteschaft und Pflege alle nöti- gen Expertinnen und Experten einbezogen werden. In jeder Abteilung des Klinikums gibt es da- für eine verantwortliche Person. Außerdem trifft in akuten Fällen das jeweilige Behandlungs- team zeitnah zu einer M&M-Konferenz zusammen. Seit 2013 gibt es M&Ms in Krems, und sie laufen nach dem immer gleichen Schema ab: Präsentation des Falles – Diskussion – Verbesse- rungsvorschläge. Jünger sagt: „Das, was übrig bleibt, sind eine bis drei nachhaltige Lösungen, die in unseren Tagesablauf, in unser Kerngeschäft implementiert werden. Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, gemeinsam etwas für die Zukunft zu lernen und Lösun- gen zu finden, die die Qualität unserer Arbeit steigern und sichern.“

Mit Dr. Evamaria Brodner hat der Kremser HNO-Primar eine kompetente Assistentin an seiner Seite, die sich um die Abwicklung der M&M-Konferenzen kümmert: „Wichtig ist, dass die Prä- sentation des Falls gut vorbereitet ist. Niemand wird verurteilt, niemand bekommt Schuld zuge- wiesen oder muss mit Vorwürfen rechnen. Dadurch können wir Fehler offen diskutieren und gemeinsam daraus lernen.“ Diese offene Fehlerkultur sei durch die Risiko-Audits im Klinikum entstanden, sagt Jünger. Dass sie in seinem Haus gut besucht sind, liege aber auch daran, dass sie als Fortbildung für die Ärzte mit DFP-Punkten hinterlegt sind. Auch die Pflege kann die quar- talsweisen Termine als Fortbildung eintragen lassen.

Als Beispiele dafür, was nach den M&M-Konferenzen für die Zukunft wirksam wird, nennen Brodner und Jünger handfeste Verbesserungen:

-  Die OP-Checkliste wurde um einen Punkt erweitert.

-  Bei onkologischen Patienten mit der Gefahr einer Mangelernährung werden nun immer

Diätologen in die Behandlungsplanung mit einbezogen.

-  Am Wochenende des Wachau-Marathons haben nun von 9 bis 17 Uhr immer zwei Kar

dio-Teams Dienst.

-  Nun werden auf allen Fieberkurven im Haus Allergien in der immer gleichen Art und

Weise farbig markiert.

-  Alle Ärztinnen und Ärzte wurden im Umgang mit Morphinen speziell geschult.

-  Die genaue Art der Lagerung der Patienten während der OP wird nun schon vorab stan

dardisiert in die OP-Planung eingegeben, die OP-Assistenten wurden dafür nochmals ge

schult.


Ausrollung auf alle Standorte

Ist es denn leicht gewesen, eine entsprechende Gesprächskultur im Klinikum zu implementie- ren und so derart wichtige Ergebnisse aus den Konferenzen zu gewinnen? „Nein“, gibt Brodner zu, „bis sich alle daran gewöhnt haben, waren diese Gespräche schon manchmal schwierig. Wir mussten dafür eine neue Lernkultur etablieren.“ Doch Direktor Jünger freut sich: „In letzter Zeit ist die Zahl der Meldungen geeigneter Fälle sprunghaft gestiegen. Das heißt nicht, dass mehr passiert, sondern dass die Bereitschaft, diese Prozesse mitzugestalten und damit die Behand- lungsqualität zu verbessern, wächst – und das ist ein gutes Zeichen.“

Die Medizinische Geschäftsführung der NÖ Landeskliniken-Holding ist von der Bedeutung der M&M-Konferenzen für die Versorgungsqualität in den Kliniken überzeugt. Dr. Susanne Schö- berl, in der Abteilung Medizinische Betriebsunterstützung für M&M zuständig, sagt: „Diese Konferenzen ermöglichen, dass eine Fehlerkultur entwickelt wird, alle voneinander lernen kön- nen und es zu mehr Patientensicherheit kommt.“ Und ihr Abteilungsleiter, der stellvertretende Medizinische Geschäftsführer Dr. Markus Klamminger, hat deshalb auch einen verständlichen Wunsch: „Unser Ziel ist es, M&M-Konferenzen an jedem Standort als Werkzeug der Selbstre- flektion und Qualitätssicherung zu implementieren.“

„Unser Ziel ist es, M&M- Konferenzen an jedem Standort als Werkzeug der Selbstreflektion und Quali- tätssicherung zu implemen- tieren.“ Dr. Markus Klamminger ist Leiter der Abteilung Medizinische Be- triebsführung und stellver- tretender Medizinischer Ge- schäftsführer der NÖ Lan- deskliniken-Holding.

„Eine M&M-Konferenz be- deutet, dass hoch qualifi- zierte Menschen innerhalb einer Stunde in kompri- mierter Form für die Zu- kunft

lernen können.“ Dr. Susan- ne Schöberl arbeitet in der Abteilung Medizinische Be- triebsunterstützung im Be- reich Operative Qualitäts- und Leistungsanalyse.

M&M-Konferenzen


Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen befassen sich mit einzelnen ausgesuchten Fällen und dienen der professionellen Selbstanalyse

des Ärzteteams oder eines interprofessionellen Teams. Hierbei handelt es sich um eine qualitätssichernde Maßnahme, die sowohl kontrol- lierend und korrigierend als auch prophylaktisch wirken kann. Die Lösung im Universitätsklinikum Krems mit großen quartalsweisen und kleinen Akut-M&Ms (mit dem Behandlungsteam) gelten als perfekte Lösung für

a) die zeitnahe Aufarbeitung mit allen Beteiligten und

b) Fortbildung, Fehlerkulturentwicklung und das gemeinsame Erarbeiten von Verbesserungsmaßnahmen.