ABTEILUNG

Zurück ins Leben

Sie werden oft stigmatisiert, leiden unter der Sucht und haben viel verloren: Im LK Mauer werden Alkohol- und Drogenabhängige bei ihrem Weg zurück in ein stabiles Leben begleitet.

Betreuen die neue virtuelle Entzugsambulanz: (v.l.) Ass. Dr. Christina Huber, Prim. Dr. Christian Korbel und OÄ Dr. Diana Klecha

Ein Teil des Teams der 3. Psychiatrischen Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen im LK Mauer mit Prim. Dr. Christian Korbel (1.v.l.) und Manfred Schrammel (Stationsleiter Pavillon 5, 4.v.r.)

Inmitten eines großen Parks mit hohen Bäumen befinden sich die einzelnen Gebäude des LK Mauer. Ein geschotterter Weg führt durch die Anlage. Der Pavillon 5 – ein rot-weißes Haus im Ju- gendstil – liegt auf der rechten Seite des Weges. Hinter der schweren Eisentür befindet sich die Station für Alkoholerkrankungen. Ein paar hundert Meter weiter liegt ein Gebäude, das komplett anders aussieht: Der Pavillon 52 ist ein moderner Neubau mit viel Glas. Darin befindet sich die Station für Drogenentzug. Beide Häuser bilden die dritte Psychiatrische Abteilung für Abhängig- keitserkrankungen. Sie bieten Platz für Menschen, die sich ihrer Sucht stellen und ihren Proble- men auf den Grund gehen wollen. Um dann eines wiederzuerlangen: einen Platz im wirklichen Leben. Primar Dr. Christian Korbel steht der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen seit 2013 vor. Der gebürtige Wiener wuchs im Heurigenbezirk Grinzing auf, wo er täglich Menschen beob- achtete, die Alkohol tranken. Warum manche viel trinken und manche weniger, beschäftigte Kor- bel früh und motivierte ihn dazu, die Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und eine Psycho- therapieausbildung zu machen. Es seien häufig die Ehefrau oder der Hausarzt, erzählt Korbel, die Menschen zu einem Entzug raten. In Mauer findet dann ein Vorstellungsgespräch statt. Ne- ben Fragen wie „Was ist die Trinkmenge?“ klärt der zuständige Oberarzt auch, ob bereits Organ- schäden vorhanden sind und ob andere psychische Erkrankungen erkennbar sind. Dieses Ge- spräch kann mittlerweile auch via Videokonferenz in der Suchtberatungsstelle in Amstetten ge- führt werden. Die „virtuelle Entzugsambulanz“ soll nach erfolgreichem Testlauf in ganz Niederös- terreich eingesetzt werden, denn so wird den suchtkranken Menschen der oftmals weite Weg nach Mauer zum Gespräch abgenommen.


250 Aufnahmen im Jahr

Ist ein stationärer Entzug notwendig, wird ein Aufnahmetermin vereinbart. Aufgenommen wird aber nicht jeder: „Viele Menschen sitzen beim Gespräch und sagen, dass sie das selbst gar nicht wollen. Wenn jemand nicht will, können wir keine Therapie anbieten“, sagt Korbel. Auf 300 bis 350 Gespräche im Jahr kommen etwa 250 Aufnahmen. Wenn der Patient für den Entzug in Mauer ankommt, beginnt die sechswöchige Therapie aber meist nicht im Pavillon 5, sondern beim Dro- genentzug. Hier findet der körperliche Entzug statt, der von zwei Tagen bis zu zwei Wochen un- terschiedlich lang dauern kann. Die Patienten werden mittels Medikamente und Infusionen be- treut. Die psychische Grunderkrankung wird dann nach dem Entzug behandelt, wenn der Patient in den Pavillon 5 übersiedelt. Dort sorgen Stationsleiter Manfred Schrammel und seine Kollegen dafür, dass die Menschen nach dem körperlichen Entzug wieder zurück in ein geregeltes Leben finden. Der Tag ist klar strukturiert und beginnt früh am Morgen mit einem Tagesplan. Zielgesprä- che sind auf dem Programm wie Spaziergänge, eine spezielle Sucht-Akupunktur oder auch Be- schäftigungstherapie: Die Patienten mähen den Rasen, arbeiten in der Holzwerkstatt mit oder le- ben sich in der Kreativwerkstatt aus. Während dieser sechs Wochen sorgen die Sozialarbeiter der Station dafür, dass der Patient auch nach dem Entzug weiterhin gut versorgt ist, mit Langzeitthe- rapien oder Selbsthilfegruppen wie den Anonymen Alkoholikern.


Patienten altern frühzeitig

Auf der Station für Drogenentzug sind die 30 Betten dauerhaft belegt, die Behandlung dauert drei Wochen. Aufgenommen werden Patienten ab 18 Jahren – Minderjährige Süchtige werden in Aus- nahmefällen in Kombination mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt. Nach strengen Si- cherheitsvorkehrungen – das Gepäck wird durchsucht, Handys versperrt – beginnt der Entzug, der sich heutzutage anders als in früheren Jahren gestaltet: „Ein Entzug auf Null erfolgt nur, wenn im Anschluss eine Langzeittherapie erfolgt. Bereits nach einer Woche Entzug sinkt die Toleranz und wenn – wie in manchen Fällen – der Patient nach dem Entzug wieder beispielsweise die glei- che Dosis Opiate wie früher nimmt, ist er tot“, erklärt Korbel. Am häufigsten arbeitet die Station mit der Substitutionstherapie. Die Ausgabe der Drogenersatzmittel nimmt vor allem für die Pflege die meiste Zeit in Anspruch: Stationsleiter Andreas Schauerhofer ist bereits seit 1997 beim Dro- genentzug. In einer Medikamentenschleuse, erklärt er, müssen die Patienten ihre Medikamente vor dem Pflegepersonal einnehmen – zu groß sei die Gefahr, dass die Menschen versuchen, Me- dikamente hinauszuschmuggeln. Da viele Drogenabhängige häufig Alkohol oder Beruhigungsmit- tel zusätzlich einnehmen, finden in Mauer auch Teilentzüge statt. Der langjährige Konsum von Drogen schädigt den Körper: Bandscheibenvorfälle, Nervenschädigungen, kaputte Zähne oder Hepatitis C seien oft die Folgen davon, erzählt Korbel. Auch die frühzeitige Alterung sei ein The- ma.


Zuhören ist wichtig

Auf der Station werden körperlichen Beschwerden nicht-morphin oder nicht-medikamentös be- handelt. Hier kommt beispielsweise die Physiotherapie zum Einsatz. Im Aufenthaltsraum übt die Physiotherapeutin mit den Patienten, außerdem gibt es einen Laser. Neben dem körperlichen Ent- zug finden Gruppen- und Einzeltherapien statt. Reden, sagt Schauerhofer, sei sowieso sehr wich- tig. Im sogenannten Krisenzimmer mischen sich Schauerhofer und seine Kollegen häufig unter die Patienten und versuchen, die Gespräche in eine andere Richtung zu lenken. Denn immer dreht es sich um ein Thema: die Sucht. Viel Fingerspitzengefühl ist dabei gefragt: „Die psychi- sche Grunderkrankung ist bei jedem anders – es ist wichtig, während des Entzugs nicht noch mehr Wunden aufzureißen“, sagt Schauerhofer. Neben Gesprächen wird ähnlich wie auf der Alko- holstation auf Beschäftigung gesetzt: Ein eigener Beschäftigungspfleger werkt mit den Patienten im Garten und gestaltet Wände. Ebenfalls eingesetzt wird die Nada-Ohrakupunktur. Nach dem dreiwöchigen Aufenthalt in Mauer kommen manche Patienten bis zu einem Jahr auf Therapie. Auch auf dieser Station ist es die Aufgabe der Sozialarbeit, einen Platz in einer geeigneten Ein- richtung zu organisieren. Viele jedoch kommen immer wieder – diese Schicksale, erzählen Korbel und Schauerhofer, gehen einem nahe. Schön ist hingegen zu hören, wenn es ihnen bessergeht: Die Patienten hören wieder die Vögel zwitschern, freuen sich über Rehe im Wald und lernen wie- der ein strukturiertes und sinnvolles Leben kennen. Und den Umstand, dass ein Leben ohne Dro-

Andreas Schauerhofer,

Stationsleiter Pavillon 52

An der Abteilung sind viele Berufsgruppen tätig und bieten veschiedene Thera- pieformen an: Oberärzte,

Assistenzärzte,  Sozialar- beiter, Pflegepersonal, Psychologen,

Psychotherapeuten,

Physiotherapeuten,

Ergotherapeuten

Sporttherapie,

Beschäftigungstherapie

Aufgaben & Kompeten- zen


Die 3. Psychiatrische Abtei- lung für Abhängigkeitser- krankungen im LK Mauer behandelt Patientinnen und Patienten mit Suchterkran- kungen. Die Station Pavil- lon 5  hat den Schwerpunkt Alkoholabhängigkeit, Pavil- lon 52 den Schwerpunkt Drogenabhängigkeit.

Informationen:

www.mauer.lknoe.at