UNSER WEG - NADELVERLETZUNGEN

(li.) Durch die neuen Sicherheitsprodukte ist die Zahl de Nadelstichverletzungen stark gesunken.

(re.)Diese leichte Schutzbrille kann beim Absaugen oder der Mundhygiene davor schützen, dass die Augen in Kontakt mit Körperflüssigekeiten der Patienten kommen - Benützen dringend empfohlen.

Sicher arbeiten

Wie vermeidet man Nadelstich-Verletzungen und was ist zu tun, wenn sie passiert sind?


In den meisten Fällen ist es die Hektik. „Das Blut sollte schon vor zehn Minuten abgenommen und im Labor sein. Und auf dem Weg zum Patienten wird man auch noch drei mal angerufen.“ DGKP Christine Bösendorfer, Hygienefachkraft im LK Waidhofen/Ybbs, kennt die Situationen gut, in denen sich Medizin und Pflege oft befinden. Genau diese Hektik ist es, die zu Unachtsamkeit und riskan- ten Verhaltensweisen führt. Oft liegt es aber auch an schlechter Vorbereitung und falscher Handhabung von Materialien, dass es zu Verletzungen kommt.

Denn nicht nur Ärzteschaft und Pflege sind gefährdet, auch das Reinigungsper- sonal, Küchenpersonal sowie der technische Dienst kommen immer wieder in Kontakt mit gebrauchten, potentiell infektiösen Nadeln.

Muss es einmal ganz schnell gehen, wird gefährliches Material manchmal an den abenteuerlichsten Orten verstaut, weiß Bösendorfer: „Es kam schon vor, dass Nadeln in Manteltaschen wanderten.“


Sicherheitsmaterial hilft

Seit 2013 gibt es eine EU-Verordnung, die Sicherheitsprodukte vorschreibt. Die NÖ Landeskliniken-Holding hat als einer der ersten Träger in Österreich diese Verordnung mit dem zentralen Einkauf und in Diskussion mit Nutzergruppen umgesetzt. Dadurch hat sich bereits einiges geändert: „Früher sind die meisten Unfälle durch Recapping passiert“, erzählt Dr. Silvia Draxler, Betriebsärztin im LK Waidhofen/Ybbs. Also dann, wenn das behandelnde Personal zum Schutz vor einer möglichen Verletzung versucht hat, die Schutzkappe wieder auf die Nadel zu stecken. „Durch die neuen Sicherheitsprodukte fällt dieser Faktor aber großteils weg.“Im Idealfall sollten scharfe Gegenstände sofort nach der Verwen- dung in einem durchstichsicheren Abwurfbehälter verschwinden. Deshalb ist gute Vorbereitung ein wichtiger Schritt, um Verletzungen zu vermeiden: „Beim Hantieren mit Nadeln muss immer ein Abwurfbehälter in Reichweite sein“, be- tont Arbeitsmedizinerin Draxler. „Jeder sollte sich bewusst machen, dass es sich um riskante Tätigkeiten handelt.Daher unbedingt vor Beginn einen Moment entschleunigen, alle Schritte in Gedanken nochmals durchgehen und sicherstel- len, dass man alles dabei hat, was man braucht. Auch der Zustand der Patienten sollte beachtet werden. Sind sie unruhig oder haben sie eine kognitive Beein- trächtigung? In diesem Fall sollte man Verstärkung mitbringen, um sich selbst und den Patienten zu schützen.“ Gute Vorbereitung ist etwas, das gerade von langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern manchmal außer Acht gelassen wird. „Nadelstichverletzungen passieren besonders Anfängern oder Famulan- ten – aber auch immer wieder erfahrenen Mitarbeitern“, weiß Draxler.

Mit Sicherheitsnadel ist die Blutabnahme auch für Daniela Krondorfer eine

sichere Sache.

DGKP Christine Bösendorfer, Hygienefach- kraft des LK Waidhofen/Ybbs und Arbeits- medizinerin Dr. Silvia Draxler empfehlen dringend, jede Nadelstichverletzung und je- den Kontakt der Schleimhäute mit Körper- flüssigkeiten der Patienten zu melden, um im Falle einer Infektion sicherzustellen, dass es sich um einen Arbeitsunfall handelt.

Schulungen nutzen

Nach der Einführung von Sicherheitsprodukten gingen Stichverletzungen deutlich zurück. „Es dürfen nur mehr Sicher- heitsprodukte verwendet werden, wenn für diesen Einsatzbereich welche vorhanden sind. Das betrifft besonders Venf- lons, Butterflys, Insulinspritzen und Blutzuckerlanzetten“, erklärt  Bösendorfer. „Wichtig ist, die Produkte einhändig zu benutzen. Und dass die Nadel nach der Benutzung gänzlich verschwindet.“

Aber auch die ausgefeiltesten Sicherheitsprodukte verfehlen ihren Zweck, wenn sie nicht fachgerecht verwendet werden. Draxler bespricht deshalb die Handhabung mit jedem Neuzugang im Krankenhaus und bietet regelmäßig Schulungen an. „Besonders mit dem neuen Butterfly gab es anfangs einige Probleme, weil die Mitarbeiter nicht vertraut damit waren“, er- innert sich die Arbeitsmedizinerin. Beim Thema Schulung sieht sie außerdem großes Verbesserungspotential: „Leider ist die Beteiligung an Schulungen nicht so groß, wie wir es uns wünschen“, betonen sowohl Draxler als auch Bösendorfer. „Oft ist Zeitmangel schuld, aber vielfach sind die Mitarbeiter auch der Meinung, schon alles zu wissen.“


Gefahren im OP

Angesichts der umfangreichen Verwendung von Sicherheitsprodukten auf den Stationen ist derzeit der OP der Ort der höchsten Verletzungsrate. Dort arbeiten viele Hände auf oft engstem Raum. Gerade Anfänger oder die Assistenz sind durch Nähnadeln, Bohrdrähte und Skalpelle gefährdet. In diesem Fall helfen nur Vorsicht und klar formulierte Anweisun- gen, um Unfälle so weit wie möglich zu vermeiden. Es ist passiert, man ist abgerutscht und die Nadel, die gerade noch im Patienten war, steckt im eigenen Finger. Besonders Neulinge befällt in diesem Moment leicht die Panik, Routinierte hin- gegen arbeiten womöglich weiter, ohne sich darum zu kümmern. Ist eine Verletzung passiert, muss sie jedoch unbedingt gemeldet werden, egal wie unscheinbar sie auch sein mag. „Das ist wichtig, da im Falle einer Ansteckung diese als Ar- beitsunfall gilt und die Folgekosten von der Unfallversicherung übernommen werden“, betont Draxler. „Obwohl es nur mehr selten vorkommt, gibt es doch immer wieder Mitarbeiter, die Nadelstichverletzungen nicht melden. Im Nachhinein ist es dann schwierig nachzuweisen, dass eine etwaige Infektion von einem Patienten stammt.“


Mundschutz & Schutzbrillen

Zu solchen Arbeitsunfällen zählen nicht nur Verletzungen mit scharfen Gegenständen, auch Kontakt mit fremden Körper- flüssigkeiten im Auge, im Mund oder auf geschädigter Haut muss man melden. Und diese landen dort schneller, als man denkt: „Kontaminationen der Mundhöhle passieren zum Beispiel bei der Mundhygiene oder beim Absaugen aus dem Ra- chenraum, wenn der Patient plötzlich hustet“, weiß die Arbeitsmedizinerin. Mundschutz wird zu selten verwendet, ge- nauso wie Schutzbrillen. Dabei kennen viele Patienten diese Ausstattung aus amerikanischen TV-Serien und würden sich wohl eher nicht wundern. Bösendorfer sieht es positiv: „Handschuhe sind bei den meisten Tätigkeiten eine Selbstver- ständlichkeit, Schutzbrillen werden aber immer noch zu selten verwendet.“


Jede Verletzung melden

Sollten Blut oder andere Körperflüssigkeiten in Auge oder Mund geraten, ist die wichtigste Sofortmaßnahme ausgiebiges Spülen mit Wasser. Bei blutenden Stich- oder Schnittverletzungen sollte durch gezielten vorsichtigen Druck die Blutung angeregt werden. Zeitgleich sollte man mit reichlich Desinfektionslösung spülen, am besten mit hohem Alkoholanteil, um HI-Viren abzutöten. Nach einigen Minuten Spülen deckt man die Wunde mit einem getränkten Tupfer ab und lässt sie so schnell wie möglich chirurgisch begutachten.

Die Verletzung wird als Arbeitsunfall gemeldet und Blut bei der verletzten Mitarbeiterin, dem verletzten Mitarbeiter und der Kontaktperson abgenommen. Das Blut wird im Schnellverfahren auf HIV, HCV und HBV getestet. In der Regel liegt das Ergebnis innerhalb von zwei Stunden vor. Sind die HIV-Antikörper im Schnelltest positiv oder besteht bei der Kon- taktperson Verdacht auf eine HIV-Infektion, startet sofort eine Therapie zur Postexpositionsprophylaxe (PEP). „Wir haben immer eine PEP für drei Tage im Haus. In dieser Zeit hat die Mitarbeiterin, der Mitarbeiter die Möglichkeit, Informatio- nen an einer Fachabteilung einzuholen. Die PEP ist aber nur sinnvoll, wenn innerhalb von 72 Stunden nach der Kontami- nation damit begonnen wird“, betont Draxler. Ist die Kontaktperson bekannt und unauffällig, wird innerhalb eines hal- ben Jahres eine Blutkontrolle durchgeführt. Ist der Patient unbekannt, wird engmaschiger überwacht. Weiß man, dass die Kontaktperson HIV oder Hepatitis hatte, kann eine Nadelstichverletzung nervenaufreibend sein. Der hoch infektiösen Hepatitis B kann durch die Impfung sehr gut vorgebeugt werden. Jede Mitarbeiterin, jeder Mitarbeiter wird bei der Ein- stellungsuntersuchung darüber aufgeklärt und der Impfstatus erhoben. Die gute Nachricht ist, dass eine HCV-Infektion bei einer Stichverletzung nur in rund drei Prozent der Fälle übertragen wird, bei HIV nur rund 0,3 Prozent. „HI-Viren sind sehr empfindlich. Ist eine Nadel schon einige Zeit an der Luft gelegen, ist die Ansteckungsgefahr sehr gering“, beruhigt Draxler.


VERMEIDEN

•  Gut planen: Steht ein Abwurfbehälter bereit? Vor Beginn einen Moment

entschleunigen, alle Schritte in Gedanken nochmal durchgehen und

sicherstellen, dass alles da ist, was man braucht.

•  Sind die Patienten unruhig oder haben eine kognitive Beeinträchtigung, zu

zweit arbeiten, um sich selbst und den Patienten zu schützen.

•  Sachgerechten Gebrauch der Sicherheitsprodukte unbedingt einhalten. Bei

Bedarf Schulungen machen.

•  Im OP sind klar formulierte Anweisungen nötig, um Unfälle zu vermeiden.

•  Bei Tätigkeiten, bei denen durch das Husten der Patienten Keime auf die

eigenen Schleimhäute gelangen können, wie Mundhygiene oder Absaugen,

Mundschutz und Schutzbrille verwenden.


WAS TUN, WENN ...?

•  Jede Verletzung muss unbedingt gemeldet werden, egal wie unscheinbar sie

auch sein mag. Dann gilt sie im Falle einer Ansteckung als Arbeitsunfall, die

Folgekosten trägt die Unfallversicherung.

•  Sollten Blut oder andere Körperflüssigkeiten in Auge oder Mund geraten, ist

die wichtigste Sofortmaßnahme ausgiebiges Spülen mit Wasser.

•  Bei blutenden Stich- oder Schnittverletzungen durch Druck auf das

umliegende Gewebe die Blutung anregen. Mit reichlich Desinfektionslösung

spülen, am besten mit hohem Alkoholanteil, um HI-Viren abzutöten. Nach

etwa zehn Minuten Drücken und Spülen die Wunde mit einem getränkten

Tupfer abdecken und so schnell wie möglich chirurgisch begutachten lassen.

•  Blutabnahme bei der verletzten Mitarbeiterin, dem verletzten Mitarbeiter

und der Kontaktperson. Bei Bedarf entsprechende Behandlung.


Bild 1: Dieser Sicherheits-Butterfly hat viele anfangs verwirrt, doch Übung hilft: Verwendet man den Sicherheitsmechanismus, verschwindet die Nadel und man kann sich nicht mehr stechen.

Bild 2: Venflon mit Verletzungsschutz: Das Schutzkäppchen setzt sich beim Herausziehen der Nadel nach dem Stechen

automatisch auf die Nadelspitze.

Bild 3: Auch der Sicherheits-Insulinpen kommt nach dem Ver- wenden in die Abwurfbox

Bild 4: Blutabnahme mit Sicherheitsnadel – die hellgelbe

Schutzkappe wird danach von der Seite her über die Spitze

geklappt und rastet ein.

Bild 5: Das sollte nicht mehr vorkommen: Käppchen auf alte

Nadeln aufsetzen. Sollten Restbestände noch aufgebraucht

werden, nach dem Benützen ohne Käppchen in die

Abwurfbox geben!