TAGESKLINIK

Psyche in Not

Im  Landesklinikum Waidhofen/Thaya gibt es neue Therapieplätze für Kinder und Jugendliche.

Fotos: Katharina Gossow

Dr. Ursula Marinitsch

ist verheiratet und hat einen zweieinhalbjäh- rigen Sohn. Sie schätzt die Vorteile ihrer neu- en Heimat: „Ich lebe gern am Land,  ist ange- nehmer mit Familie und Hund. Das Waldvier- tel bietet einfach ein entschleunigtes Leben.“


• Allgemeinmedizinerin und Fachärztin

für Kinder- und Jugendpsychiatrie und

psychotherapie

• Medizinstudium in Wien, Turnus in

Gmünd und Krems

• Ärztin in der Praxis für Kinder- und Jugend

psychiatrie Dr. Swantje Hemicker München

• Ärztin an der KJP der Ludwig-Maximilians-

Universität München

• Ab 2014 leitende OÄ der Ambulanz und

Tagesklinik Höxter (Nordrhein-Westfalen)

für Kinder- und Jugendpsychiatrie/-

psychotherapie, LWL (Landschaftsverband

Westfalen-Lippe)-Klinik Marsberg

• Weiterbildung in tiergestützter Therapie

• Diplom in psychosomatischer und

psychosozialer Medizin

• Verhaltenstherapeutin


Angst- oder Essstörungen, depressive Verstimmungen, ADHS, Schulverweigerung, Rückzug in virtuelle Welten – immer mehr Minderjährige sind davon betroffen. Viele Eltern wissen dann einfach nicht mehr weiter. Hilfe finden sie seit Herbst nun auch in der tagesklinischen Einheit für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (KJPP) im LK Waidhofen/Thaya. Für die jungen Patientinnen und Patienten entfällt damit die Fahrt nach Tulln oder Mauer. 500.000 Euro hat das Land Niederösterreich in die Schaffung der neuen Tagesklinik investiert. Sie deckt die ambulante und teilstationäre Betreuung der Bezirke Horn,

Waidhofen/Thaya, Gmünd und Zwettl ab. Im LK Waidhofen/Thaya gibt es bereits das Waldviertler Zentrum für Seelische Gesundheit, eine Abteilung für Erwachse- nenpsychiatrie.


Zehn Behandlungsplätze

Oberärztin Dr. Ursula Marinitsch leitet die neue KJPP-Tagesklinik. Die Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie stammt aus der Region und absolvierte ihre Turnusausbildung in den Kliniken Gmünd und Krems. „Die Psychiatrie hat mich immer schon interessiert“, sagt Marinitsch, „und ich hatte immer Freude an der Arbeit mit Kindern.“ Da es in Österreich damals noch keine Ausbildungsplätze für Kinder- und Jugendpsychiatrie gab, ging sie nach Deutschland. In der

Ambulanz und Tagesklinik Höxter (Nordrhein-Westfalen) hat sie 2008 als Assis- tenzärztin begonnen und ist 2014 als leitende Oberärztin dorthin zurückgekehrt. Als die 40-Jährige das Angebot aus der Heimat bekam, sagte sie sofort zu.

Im April startete Marinitsch mit dem Aufbau der Tagesklinik, seit September wer- den die ersten kleinen Patientinnen und Patienten behandelt. Zehn Behandlungs- plätze stehen zur Verfügung, für Kinder und Jugendliche zwischen sechs und

18 Jahren. Oft äußern sich die Probleme im Schulbereich, sagt Marinitsch: „Die Kinder sind unaufmerksam, können sich nicht konzentrieren, machen keine Hausübung oder gehen gar nicht mehr zur Schule. Im gemeinsamen Gespräch mit den Eltern entscheiden wir dann, welche Behandlung Sinn macht. Angefangen bei der Beratung für die Eltern, bis hin zur ambulanten oder teilstationären Behand- lung.“ Braucht ein Kind oder Jugendlicher stationäre Betreuung, etwa bei akuter Selbstmordgefährdung, gibt es die im kooperierenden Klinikum in Mauer. Die KJPP-Tagesklinik arbeitet zudem mit Kinderhilfe-Einrichtungen zusammen, mit dem Kinderschutzzentrum, Hilfswerk, Caritas und anderen.


Alltagsnahe

Die Behandlung an der Tagesklinik dauert im Schnitt zwölf Wochen, verläuft teil- stationär und sehr alltagsnahe: Die Kinder und Jugendlichen kommen in der Früh ins Klinikum und starten mit einem gemeinsamen Frühstück, danach haben sie Unterricht oder Therapie-Einheiten, Mittagessen, danach Therapie und Gruppen- arbeit. Am Nachmittag werden die Kinder wieder abgeholt, auch am Wochenende sind sie zuhause. Zwei Klassenräume gibt es an der Tagesklinik: Die

Lehrerinnen nehmen mit den Heimatschulen Kontakt auf und erhalten die Unter- richtsmaterialien, damit die Kinder im Schulstoff weitermachen können.  An der KJPP-Tagesklinik arbeiten aktuell 13 Personen aus unterschiedlichen Berufsgrup- pen zusammen: Marinitsch als Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psy- chologinnen, Psychotherapeutinnen, Sozialarbeiterinnen, diplomierte Pflegekräf- te, Sozialpädagoginnen, Ergo-, Musik- und Physiotherapeutinnen sowie Lehrkräf- te. Alle Pflegekräfte haben die Zusatzausbildung in psychiatrischer Pflege absol- viert: Sie geben Medikamente, versorgen Wunden, messen Blutdruck und vieles mehr. Viel pflegerisch-pädiatrisches Wissen ist gefragt. Und zudem jede Menge Einfühlungsvermögen: Wie gehe ich mit psychisch kranken Kindern um? Wie kann ich Krankheitssymptome und Probleme professionell erfassen? Arztkittel sieht man hier keinen, die Atmosphäre wirkt locker und angenehm. Schließlich sollen die Kinder und Jugendlichen sich hier wohlfühlen.


Interventionen

Das breit aufgestellte Team bietet eine Reihe an unterschiedlichen Interventionen an. „Umso jünger das Kind ist, umso spielerischer die Herangehensweise“, erklärt Marinitsch. Diverse Materialien und Spielsachen werden verwendet: In einem Puppenhaus spielen die Kinder verschiedene Situationen nach, mit Kinetics-Sand erleben sie Berührung auf eine andere Art, mit den angesagten Drachen aus dem Film „Drachenzähmen leicht gemacht“ können sie Gefühlen nachspüren, mit ei- nem Kartenspiel Persönlichkeiten erfühlen. „So bekommen wir Zugang zur inne- ren Welt des Kindes. Wir schauen uns immer das System dahinter an: Es ist wie bei einem Mosaik, viele Steine ergeben ein ganzes Bild. Genauso ist es bei Störun- gen. Eltern, Genetik, Freunde, Resilienz, also die psychische Widerstandskraft – alles hat einen Anteil. Die Eltern müssen ihren Teil beitragen.“ Daher gibt es ein- mal wöchentlich ein Familiengespräch, um gemeinsam an einer Lösung zu arbei- ten. „Das Einbeziehen der Familie ist sehr wichtig“, betont Marinitsch.

Der Bedarf an Kinder- und Jugendpsychiatrie ist groß: Die KJPP-Tagesklinik ist über Wochen hinaus ausgebucht. Auch personell läuft es gut, freut sich Marini- tsch: „Wir haben ein gutes Team geformt, das nun zusammenwächst.“

Marinitsch will das Team noch verstärken und sucht einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie: „Dann können wir eine Assistenzstelle beantragen und den Nachwuchs fördern.“ Angeboten wird auch tiergestützte Therapie mit Juno, der ausgebildeten Therapiehündin von Ursula Marinitsch. Das war der ambitio- nierten Leiterin ein großes Anliegen – sie hat noch viele weitere Ideen und Pläne, um das Angebot zu erweitern.

Kinder- und Jugendpsychiatrie


Seit Februar 2007 ist die Kinder- und Ju- gendpsychiatrie (KJPP) in Österreich ein ei- genes Sonderfach mit sechsjähriger Ausbil- dung. Davor gab es das Fach nur als dreijäh- rige Zusatzausbildung entweder zur Psychia- trie, Neurologie oder Kinderheilkunde. Die KJPP-Abteilungen in NÖ sind auch Ausbil- dungsstellen. Gemäß NÖ Psychiatrieplan ist Niederösterreich sowohl in der Erwachse- nen- als auch in der Kinder- und Jugend- psychiatrie in Versorgungsregionen unter- teilt: Jede Abteilung hat die Versorgungsver- pflichtung für ein definiertes regionales Ein- zugsgebiet. Derzeit gibt es KJPPs in der Regi- on Mitte im Uniklinikum Tulln, in der Ther- menregion in Hinterbrühl (gehört zum LK Mödling), im Mostviertel im LK Mauer sowie im Waldviertel im LK Waidhofen/Thaya. In der Thermenregion entsteht in Wiener Neu- stadt eine Terminambulanz und eine Tages- klinik, die von Hinterbrühl mitbetreut wird.

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Teambesprechung: (v.l.) Stefanie Koppensteiner (Sozialpädagogin), MMag. Julia Hübl-Fischer (klinische Psychologin), OÄ Dr. Ursula Marinitsch, DPGKP Andre Gratzl, Bakk. phil. Margarete Oismüller-Kinigadner (Psychotherapeutin)